»Ich glaube, das hat er mir nicht gesagt, oder ich habe es vergessen; aber ich weiß, daß er ihn haßte. Eines Abends sagte er: Ich gebe Dir einen Brief, willst Du mir den Gefallen thun und ihn zur Post besorgen? Ich versprach es, er gab mir den Brief; ich las die Aufschrift und vermutete, daß Schmähungen und Drohungen darin enthalten sein konnten; darauf war ich unentschlossen, was ich thun sollte, vier Tage behielt ich den Brief bei mir, M… fragte mich mehrere Male, ob ich ihn abgeschickt hatte und ich sagte immer ja; endlich wurde M… krank und kam ins Lazarett, und da entschloß ich mich, die Sache dem Herrn Oberst zu melden.«

Ich lasse den S… fragen, wo ich ihm den Brief übergeben haben soll, er antwortet, in einem Wirtshaus um ein Uhr Mittags. »Herr Präsident,« sage ich, »es scheint mir ein Unding, daß ich um ein Uhr Mittags, wo ich zwei Freistunden vor mir hatte, einen so gefährlichen Brief einem Andern zur Besorgung übergeben haben sollte. Weshalb gab ich ihn denn nicht selbst zur Post? Wer hinderte mich daran?«

Die Richter nickten verständnisinnig zu meinen Worten, der Staatsanwalt erhebt sich, hält seine Anklage aufrecht und beantragt schließlich vier Jahre Gefängnis.

Darauf ergreift mein jugendlicher Verteidiger das Wort, widerlegt der Reihe nach die Ausführungen des Staatsanwalts und unterzieht dann den S… einer Beurteilung, in der er ihn in den schwärzesten Farben schildert, ihn einen falschen Verleumder, einen ehrlosen Schurken nennt; er stellt den Richtern ernste und sorgfältige Erwägung des Falles anheim.

Nunmehr endet der Advokat di Leo und ruft, indem er sich das Gesicht mit den Händen bedeckt:

»Man müßte sich das Gesicht verhüllen, um, ohne zu erröten, die Schandthaten des S… aufzuzählen; und er trägt noch die Tressen! Soll ich Ihnen das schmutzige Verhältnis dieses Ungeheuers mit dem armen M… vorenthalten? Nein, darum lassen Sie die Thüren schließen, denn was ich mitzuteilen habe, paßt nicht für das Ohr der Öffentlichkeit.«

»Herr Präsident, stellen Sie beide gegenüber und lassen Sie den unglücklichen M… ihn fragen, ob er sich an die Vergangenheit erinnert, an die laubverhüllte Grotte, an den strengen Arrest, an die Klagen des S… über den Feldwebel V…, der ihm einen Blutfluß verursacht hatte, über das Verhältnis Beider, um ihn dann zu verfolgen; ob er sich erinnert, wie er sagte: Nachdem er mir die Ehre geraubt und mich acht Monate lang genossen hat, verließ er mich, um mich zwei Jahre lang zu mißhandeln, er nannte mich seine süße Alfonsine u. s. w.«

»Wollen Sie noch mehr! Soll ich noch weiter wühlen in diesem Abgrund von Schmutz und Kot? Sehen Sie ihn sich an, meine Herren, seht ihn an, den Korporal S…, wie er bleich, zitternd und gebeugt dasteht, wie er weint! Meinen Sie, daß er Reue über seine Schandthat fühlt! Nein, meine Herren, solche verworfenen Geschöpfe empfinden keine Reue, weil sie kein Herz haben.«

Und er schließt mit dem Ersuchen um ein freisprechendes Urteil.

Der Gerichtshof zieht sich zurück und erscheint nach drei Stunden wieder. Ich muß mich erheben, der Präsident liest das Urteil vor: wegen Insubordination werde ich zu einem Jahr Militärgefängnis verurteilt. Meine Verteidiger waren außer sich, das Publikum ging zischend hinaus, und ich blieb kalt und unbeweglich angesichts dieser furchtbaren Komödie stehen. Sie wollten appellieren, ich wollte nicht, um nicht mehr von diesen Dingen sprechen zu hören; dann wurde ich in das Gefängnis zurückgeführt.