In mein armes unglückliches Taschenbuch schrieb ich die Worte ein: Antonino M… vom 20. Infanterie-Regiment ist am 18. Juni 1878 vom Militärgericht zu Salerno unschuldig zu einem Jahre Gefängnis verurteilt, wegen der Schändlichkeit des Korporals Alfonso S…

Eines Tages werde ich in das Wachtzimmer geführt und wen sehe ich? Teresina's Vater; ich werfe mich an seine Brust, wir umarmen und küssen uns wie Vater und Sohn; der arme Greis weinte heiße Thränen, er brachte mir einen Brief von Teresina, den zunächst der Chef der Wache las und abstempelte. Wir sprachen von gar manchen Dingen, er erzählte mir, daß seit meiner plötzlichen Abreise Teresina keinen ruhigen Augenblick mehr gehabt habe und täglich von mir spreche und mein Unglück beklagte.

Als ich ihm mitteilte, daß ich zu einem Jahr verurteilt wäre, drückte der gute Alte mir lange und fest die Hand; wer vermöchte zu sagen, wie viel Liebe und Schmerz in diesem Händedruck lagen.

Er gab mir acht Lire, die mir Teresina schickte, ich wollte sie um keinen Preis nehmen, aber da er sagte, daß es Teresina Schmerz bereiten würde, wenn ich sie zurückwiese, so mußte ich sie wohl oder übel behalten. Wir verabschiedeten uns und er ging, ohne seine Thränen verbergen zu können. Teresina schrieb mir:

»Mein heißgeliebter Bruder!

Ich habe Ihren Brief erhalten und lange, lange geweint.

Ich wollte hinkommen, um Sie zu sehen, aber meine Eltern haben es nicht erlauben wollen.

Ich bete stets zu Gott, daß ich Sie bald wieder gesund und frei sehe, denn erst dann kann ich wieder fröhlich werden.

Ich schicke Ihnen acht Lire, das einzige Geld, das wir armen Leute zu Hause haben; für den Augenblick werden sie genügen, später, wenn Sie dort bleiben, werde ich selbst kommen und recht viel mitbringen.

Schreiben Sie mir oft, lassen Sie mich nicht in Trauer verharren. Vertrauen Sie auf Gott, der uns heimsucht und tröstet. Wir sind allzumal Sünder und müssen büßen. Die Mutter Gottes möge zu Ihrem Haupte wachen und Sie vor jedem Ungemach behüten.

Nehmen Sie meinen schwesterlichen Gruß und vergessen Sie nicht

Ihre arme Schwester
Teresina M…«

Cava dei Tirreni 22. Juni 1878.

Auf diesen Brief antwortete ich:

»Innig geliebte Schwester!

Als ich Ihren guten alten Vater sah, habe ich vor Rührung geweint, wir haben uns umarmt, haben lange von Ihnen gesprochen, und er hat mir Ihren Kummer bei meinem Fortgehen von da geschildert.

Beten Sie zu Gott um meinetwillen, beten Sie zu ihm mit aller Kraft, denn es thut mir not.

Tausend Dank, liebste Schwester, ewigen Dank für Ihre Freundlichkeit.

Ihr Vater hat mir acht Lire gegeben und gesagt, daß Sie sie mir schicken, ich habe sie angenommen aus Liebe zu Ihnen mit dem Wunsche, sie eines Tages zurückgeben zu können. Das Gericht hat mich verurteilt, aber ich schwöre Ihnen, liebe Schwester, ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen ich angeklagt worden bin, und Sie glauben es, nicht wahr? Ja, Sie sind die einzige, die mich für unschuldig hält.

Binnen kurzem werde ich von hier abreisen, um die höchst ungerechte Strafe zu verbüßen, die mir jene Richter auferlegt haben; wohin ich komme weiß ich nicht, und von da aus werde ich wohl nicht schreiben können, da ich nur an Verwandte, die meinen Namen tragen, schreiben darf, aber ich werde es doch versuchen. Ihnen gehört mein gekränktes und verbittertes Herz, Ihnen meine ewige Ergebenheit, grüßen Sie die Ihrigen und denken Sie oft an den unglücklichen Gefangenen im Militärlazarett zu Cava dei Tirreni.

Ihr ergebenster Bruder
Antonino M…«

Geschrieben im Gerichtsgefängnis zu Salerno

25. Juni 1878.

Einen Monat verbrachte ich in diesen Gefängnismauern in nicht geringem Schmerz; möge der, welcher mich würdigt, diese schmucklosen Blätter zu lesen, die ohne Zusammenhang, ohne Gelehrsamkeit, ohne Grammatik niedergeschrieben sind, ermessen, in welchem Zustand ich war und was für traurige Gedanken mir durch den Kopf gingen.

Das Auge des Allmächtigen sah ernst auf mich hernieder und las in den Fasern meines Herzens meine Demut und Ergebenheit.

Der Mensch, der seinem Bruder Böses thut, wird unglücklich, elend, verworfen, und grausam quält ihn ein innerer Drang, der gegen ihn selbst zeugt; das steinharte Herz zersplittert, erdrückt von der Gewalt des eigenen Gewissens und früher oder später leuchtet ein silberner Glanz in dem tiefsten, finstersten Abgrund des Unglücks.