Ich muß bemerken, daß eine Treppe von etwa einem Dutzend Stufen nach dem Hof führte, die dem Raum benachbart war, wo S… sich befand; auf diesem Hof gingen die Gefangenen spazieren.
Ich überlegte: zu der Zeit, wo der Arzt den Kranken seinen Besuch macht, bleibt das Gitter offen, die dienstthuende Wache begleitet den Arzt auf seinen Besuchen, mein Bett steht nicht weit von der Thür, ich werde leicht unbeobachtet hinauskommen, dann steige ich die Treppe hinauf, eile in den Garten, stürze mich auf den elenden S… und mache ihn mit einem einzigen Stich kalt und damit der ganzen verfluchten Dienstzeit ein Ende; aber es gilt keine Zeit zu verlieren.[55]
Die ganze Nacht konnte ich nicht schlafen, Morpheus, der friedliche Gott, floh meine Lider, Fieberhitze durchströmte mein Blut, mein Kopf glühte wie eine Esse, so stritten die Gedanken an die Rache, die Vergangenheit, an die ungeheuerliche ruchlose Zukunft durcheinander.[56] Aber nach Gottes Willen wurde es Tag und auf die trüben Gedanken der Nacht folgten die trüben Gedanken des Tages …
Der Arzt kam, der Besuch begann, die Wache begleitete ihn; als ich mich unbeobachtet glaube, eilte ich zu dem Gitter und auf die Treppe; schon war sie halb passiert, als ein Wächter mir begegnete und sagte:
»Wohin, M…?«
»In die Küche«, sagte ich und versuchte vorbei zu kommen.
»Das geht nicht, Sie dürfen nicht in die Küche gehen, kehren Sie um, Sie kommen nicht vorbei.«
»Ich will vorbei oder ich steche Dich nieder.«
»Auf keinen Fall! Zu Hilfe! Zu Hilfe!«
Wir umfaßten uns, er drängte mich zurück, ich stieß ihn vorwärts. Als ich mich verloren glaubte, zog ich die halbe Scheere heraus, entwand mich seinen Armen und war im Begriff, ihm einen tüchtigen Stich in den Unterleib beizubringen, als mich eine Hand mit unwiderstehlicher Gewalt zurückriß, so daß ich die Treppe herabrolle; wie eine angeschossene Hyäne sprang ich auf, da erhielt ich einen derben Schlag auf den Arm, die Scheere entfiel meiner Hand.