Unter den vielen Inseln, die Venedig umgeben, dehnt sich östlich von der Stadt eine Landzunge aus, welche vom adriatischen Meer bespült wird und den Namen Lido trägt; sie hat die besondere Aufgabe, vermittelst starker Befestigungswerke den Feind an einem Flottenangriff auf die Stadt zu hindern. Aber außer seiner Bestimmung als Bollwerk gegen feindliche Angriffe und außer seiner Eigenschaft als Vergnügungsort in den Tagen des Friedens, ist der Lido der Aufenthaltsort derer, welche sich zu Sklaven einer unsinnigen Disziplin gemacht haben und verurteilt sind, in stetem Leiden und unter besonderen Strafen dahin zu leben. Blühende Akazien, grünende Felder, lachende klare Seen und was es sonst Herrliches in der Natur giebt, schmückt diese Gegend im Sommer, wo sie Scharen von Besuchern empfängt. Verborgen blüht die Rose zwischen den Büschen, wenn der Morgenstrahl der Sonne die Erde küßt und die Vögel ihre sehnsüchtigen Melodien ertönen lassen – und in den düsteren Zellen der Kaserne seufzt der Verworfene.
Die träge Welle der Adria bricht sich am Lido, sie liebkost in wollüstigen Umarmungen die schönen venezianischen Sylphiden und erglüht unter ihrem verliebten Blick – und sie führt die Klagen und Thränen der Unseligen, die im Elend leben, mit sich hinweg. Lange habe ich hier dem Willen eines Tyrannen mich beugen müssen und weinen müssen, fern von meinen Lieben, und kämpfen müssen, um die Grundpfeiler meiner Zukunft wieder aufzurichten.
Wenn die Sonne in goldiger Glut hinter den Bergen versank, und wenn sie in rosigen Farben wieder emporstieg, meine Seele vermochte es nicht zu trösten, und so oft auch die Natur sich ihres Schmuckes entkleidete und von neuem ihr schimmerndes Blütengewand anlegte – es vermehrte nur die Empfindung meines Leidens.
O arme Seele, was hoffest Du? Denke an den Jammer und die Seufzer, damit ich mit den Farben der Wahrheit ein Bild meines Unglücks und der Unwissenheit der selbstsüchtigen Tyrannen entwerfen kann.
Denke an die unselige verworfene Knechtherrschaft! Schildere, wenn Du es vermagst, die Thaten jenes Despoten, der väterliche Gefühle und kindliche Liebe mißachtend auf dem Scheiterhaufen des Vaterlandes die jugendliche Hoffnung Italiens als Brandopfer darbrachte, der die Stützen darbender Familien vom häuslichen Herd hinwegriß, der Industrie die Kraft des Fortschritts raubte, um das erhabene Andenken der Freiheit zu schänden, um dem Bajonett, dem Galgen und den Galeeren das Recht zu geben, den letzten Gedanken des Unglücklichen zu Todesseufzern zu gestalten.
Du allein, o meine Seele, kannst in den Tagen meines Glückes die Klagen deuten, welche in dieser Sphäre ertönten, wo Kummer, Qualen, Ketten und der Wille eines gesetzmäßigen Mörders den Herzen der jungen Soldaten alle Hoffnung entrissen und die fern weilenden Familien ins Unglück stürzten.
Wie gesagt mißfiel mir der Anschlag der Piemontesen sehr, und ich bat meinen Freund Civ… mir irgend eine Waffe zu verschaffen, um mich nötigenfalls verteidigen zu können; er brachte mir einen langen dreieckig geschliffenen Dolch.
Am folgenden Morgen wurde ich zum Kommandanten gerufen, mit meinem Dolch an der Brust begab ich mich zu ihm. Er empfing mich mit Schmähreden, aber ich sagte:
»Herr Kommandant, ich bin nicht gewöhnt, Vorwürfe zu hören; wenn Sie meinen, daß ich gefehlt habe, so haben Sie ja Kerker und Ketten zur Verfügung.«
»Wissen Sie, M…, ich bin Familienvater, ich liebe die Soldaten wie meine Söhne und strafe nur, wenn ich dazu gezwungen werde: deshalb nehmen Sie es mir nicht übel, meine Verweise sind die eines Vaters und glauben Sie mir, ein Vorwurf ist besser, wie acht Tage bei Wasser und Brot. Ich wünschte von Herzen, daß Ihr alle in Bälde Eure Familien, Freunde und Bekannten wiedersehen könntet. Sie sind ein verständiger junger Mann, und es wäre eine Sünde, Sie im Unglück umkommen zu lassen. Deshalb seien Sie vernünftig, bis jetzt haben Sie sehr viel zu leiden gehabt und ich beklage Sie, denn das ist meine Natur. Deshalb wenden Sie sich an mich, wenn Ihnen irgend etwas fehlt, oder wenn Ihre Vorgesetzten Sie schlecht behandeln. Sind wir einig? Dann seien Sie ruhig, führen Sie sich gut und halten Sie sich von den schlechten Elementen fern, deren es hier nur zu viele giebt; thun Sie Ihre Pflicht, und nehmen Sie Rücksicht auf mich.«