Ein Beifallsturm, Händeklatschen und Hochrufen folgte diesen Worten.

Am folgenden Tage wurde eine große Tafel im Hof hergerichtet, wie der edle Hauptmann befohlen hatte; hundertundzwanzig Soldaten, sechs Sergeanten und fünf Korporale nahmen an dem prunkvollen, reichlichen Mahl teil, die Becher füllten sich mit schäumendem Toskanerwein; die Flaschen standen aufmarschiert, als wollten sie sagen: Nimm mich hin – die Gläser kreisten unter den Tischgenossen. Der Hauptmann, der Lieutenant, die Feldwebel und Sergeanten waren alle zugegen; sie füllten unsere Becher immer von neuem, Trinksprüche wurden ausgebracht, wir tranken zu Ehren des Hauptmanns, der Offiziere, wir tranken auf die Brüderlichkeit, die Einigkeit, den Frieden, wir tranken auf unsere Gesundheit, Hochrufe, Händeklatschen und Lachen ertönte aus der freudigen Gesellschaft, und ich brachte einen langen Trinkspruch in Versen aus.

Zwei Monate verbrachte ich in dieser Strafkompagnie ohne irgend welche Störung, geliebt und geachtet von meinen Vorgesetzten und Kameraden, ich hatte mich über meine vergangenen Leiden getröstet und genoß ein friedliches, nachdenkliches Leben in Spiel und Scherz mit meinen Genossen.

Eines Tages rief mich der Kommandant und teilte mir mit, daß meine Familie sich beschwert habe, daß ich so lange nicht geschrieben habe und trug mir auf, sofort von meinem Verbleiben und Befinden Nachricht nach Hause zu geben.

Seitdem ich den unliebenswürdigen, schmutzigen Brief meines Bruders bekommen hatte, hatte ich nicht mehr geschrieben, und es war beinahe zwei Jahre her, daß die Meinen ohne Nachricht von mir waren; wenn nun der Hallunke von meinem Bruder auf einmal so heißes Verlangen nach mir zeigte, so hatte das keinen anderen Grund, als daß er hoffte, ich sei tot, und er könne sich in den Besitz des Wenigen setzen, das mein unglücklicher Vater mir hinterlassen hatte. Das war der Gedanke des elenden Wurmes, der jeden Augenblick auf die Nachricht von meinem Hinscheiden wartete; aber Gott, das unsichtbare Wesen, der die verborgensten Falten der menschlichen Herzen siehet, spottete der thörichten und boshaften List des durchtriebenen Schurken.

Da mein Hauptmann befahl, durfte ich nicht zögern, wie konnte ich auch, da er mich täglich mit Beweisen seines Wohlwollens überhäufte. So schrieb ich denn folgenden Brief:

»Geliebter Schwachkopf!

Denkst Du noch an den schönen Brief, den Du mir nach Salerno schriebst? An den Brief, der Deiner würdig war, deiner Dummheit, deiner Hartherzigkeit? – Nun, ich danke, es geht mir sehr gut, trotz aller Wünsche derer, die mich hassen. Ich habe hier alles: Liebe, Achtung, Wohlwollen, und das genügt mir, um mich wohl zu fühlen. Morgens bekomme ich eine prächtige schmackhafte Suppe und ein großes Stück gutes Brot, das mehr als genug für mich ist; Abends ein Stück Kalbfleisch; ich habe viel freie Zeit und manche Vergnügungen: Spiel, Musik, Theater, Tanz, Lektüre, u. s. w., und was will man mehr?

Wir leben hier auf einer Insel nahe der Königin der Meere, einer großen, schönen, lachenden, grünenden Insel; oft fahren wir auf unseren Gondeln nach Venedig hinüber, ohne etwas zu zahlen, wir lustwandeln auf der lachenden weiten Piazza di San Marko; wir schäkern mit den rosigen, schönen Venezianerinnen, wir trinken unser Bier, unsern Wermut, den Du noch nicht einmal versucht hast und den Du nicht kennst; wir trinken schimmernden Toskanerwein, – was will man mehr!

Wir haben Geld genug, schöne Bankscheine, um uns vergnügen zu können und Du armer Tropf, teilst mit Deinen armen Kindern den Hunger!

Unser Kommandant ist ein Prachtmensch, ein wahrer Vater der Soldaten, die Vorgesetzten sind alle Ehrenmänner, was kann man mehr verlangen?

Wir sind glücklich, wahrhaft glücklich. Das möge Dir genügen. Und wenn Du an unserem Glück teilnehmen willst, so komme her; das Ufer des adriatischen Meeres wird edelmütig genug sein, um den verworfensten, elendesten, schmutzigsten Wurm aufzunehmen, der auf Erden herumkriecht.

Lido, Venedig 10. April 1879.

Dein (!)
Antonino M…«

Und was ich meinem Bruder schrieb, war die Wahrheit; uns Soldaten fehlt nichts, es war alles wahr.

Wir hatten eine prächtige Kapelle, die auf Verlangen im Hof spielte, oft wurde getanzt; Donnerstags und Sonntags spielten wir auch Theater. Mit unseren Tüchern und Decken steckten wir auf dem Hof einen großen viereckigen Raum ab, in einem Zimmer wurde geprobt, Kostüme fertigten wir selbst an, fünfzehn Soldaten oder mehr machten die Schauspieler, wir hatten einen Impresario, einen Direktor, einen Regisseur u. s. w., das nötige Geld wurde alle Woche von den Soldaten, Offizieren und Gefreiten gesammelt; einmal hatten wir fünfhundertzwölf Lire und achtundachtzig Centesimi; der Hauptmann hatte allein zweihundertfünfzig Lire gegeben!!!

Ich erinnere mich, daß ich einmal in einer Posse die Rolle des Briganten Gasparone spielte, ich war als kalabresischer Räuber gekleidet, mit hohem Hut, Stulpstiefeln, Hose und Jacke mit großen vergoldeten Knöpfen geschmückt, zwei Patrontaschen an den Seiten, eine doppelläufige Flinte über dem Rücken, einen großen Revolver und einen langen Dolch an der Seite; es war eine brillante Rolle; die Offiziere, die Chargierten, Herren und Damen wohnten der Vorstellung bei, und ebenso Handwerker und Bauern. Donnerstags und Montags gab es alles in Überfluß: Rum, Wermut, Bier, Wein und Cigarren, so daß es für die ganze Woche reichte; alles wurde von den Offizieren und Bürgern gegeben. Ich ging oft nach Venedig und blieb dort ganze Tage; wenn ich mich auf den Weg machte, und mich dem Hauptmann meldete, um die Erlaubnis einzuholen, dann sagte er: