»Haben Sie Geld?«
»Ich habe einen Lire, und das genügt für einen Tag.«
»Nein, in Venedig ist das nichts,« und er nahm einen Fünflireschein heraus und gab ihn mir.
Seine Börse war stets für alle geöffnet, und wenn man ihm das Geld wiedergeben wollte, dann fluchte und wetterte er und drohte uns in Arrest zu schicken! Der Ehrenmann litt an Asthma und Nachts mußte er von der Seite seiner lieben Gemahlin aufstehen, um ins Freie zu laufen, um Luft zu schöpfen.[58]
Ein Lieutenant, ein Landsmann von ihm, sagte, daß er achtzigtausend Lire jährliche Rente habe, aber er machte kein Aufheben von seinem Reichtum, den er zum Besten der Armen und Unglücklichen verwandte; wegen seiner großen Zuneigung zu den Soldaten war er wiederholt bestraft worden und wäre ohnedies schon bedeutend avanziert. Derselbe Lieutenant erzählte mir einige Episoden aus dem Leben dieses merkwürdigen Mannes, von denen ich einige mitteilen will.
Als Hauptmann Guar… noch Lieutenant in Ravenna war, verliebte er sich in ein Mädchen aus dem Volke, er heiratete sie, nachdem er sie mit einem Vermögen von fünfundzwanzigtausend Lire ausgestattet hatte. Er lebte glücklich mit dem jungen Weib, das er mit allen Fasern seines Herzens liebte; die Frucht dieser Liebe war ein Söhnchen, das Ebenbild des Glückes seines Vaters. Da wurde ihm gesagt, daß seine Gattin ihn betrog.
»Unmöglich«, antwortete er, »Virginie, meine geliebte Virginie kann mich nicht verraten.« Er hatte ein Duell mit einem anderen Lieutenant, der ihm mitgeteilt hatte, daß seine Virginie ein unerlaubtes Verhältnis mit einem Lastträger hatte – der arme Lieutenant wurde von Guar… erstochen.
Eines Morgens teilte er seiner Virginie mit, daß er verreisen müsse; er kehrte aber um und versteckte sich neben ihrem Schlafgemach, so daß er hören konnte, was dort vorging.
Lange stand er so und wartete; Virginie war mit ihren häuslichen Angelegenheiten beschäftigt.
Endlich gegen Abend hörte er Küsse, er lauschte und vernahm folgende Worte: