In Catanzaro begeben wir uns zu meinen Anwälten, den Herren Bruno Chimirri und Giacinto Oliverio.

Ich wurde dem Herrn Präfekten vorgeführt, und nachdem dieser den Haftbefehl ausgefertigt hatte, wurde ich durch einen Wächter der öffentlichen Sicherheit in das Gerichtsgefängnis S. Giovanni geleitet.

Der Wachtmeister, Luigi S…, früher ein berüchtigtes Mitglied der Camorra, jetzt ein wütender Verfolger derselben, zeichnet mein Signalement, Namen und Vornamen in ein großes Register ein, ein Gefangenenwärter befiehlt mir, mich auszuziehen und eine sorgfältige und gründliche Untersuchung ergeht über meine Kleider und über meine Person; dann kleide ich mich wieder an und werde in das sogenannte Neue Gefängnis geführt, wo man mich im Kassenzimmer läßt. Es waren drei Zimmer, von ungefähr zehn Gefangenen bewohnt, darunter ein alter Mönch und zwei Priester, die wegen Beihülfe zum Raub angeschuldigt waren und mehrere andere Bürger wegen anderer Anschuldigungen. Unter dem Fenster, wo ich weilte, und das durch ein vergittertes Mauerwerk gesichert war, war ein kleiner Hofraum, wo ungefähr zwanzig berüchtigte Briganten Luft schöpften, da waren die berüchtigten Pietro Bianchi, Bulfalaro, Pietro Lo Monaco, Perelli und andere, alle von den Assisen in Catanzaro zum Tode verurteilt, die sich hier während der Berufung befanden, um nach Bestätigung des Urteils durch den Kassationshof nach Reggio Calabria überführt zu werden, wo sie die sanfte Schneide des Henkerbeils zu kosten bekommen, als Strafe für ihre Räuberei[12].

Ich blieb zwei Monate in jenem Labyrinth des Jammers und erinnere mich, daß ich in eines der Fenster die Worte eingeschnitten hatte:

»Antonino M…, zum Tode verurteilt.«

Aus dem Neuen Gefängnis kam ich ins Alte Gefängnis, das demselben benachbart ist; dort fand ich eine zweite Hölle, eine neue Brut elender Gefangener.

Ich mühe mich ab, einen Begriff davon zu geben, aber es würde die Feder eines Eugène Sue oder eines Francesco Mastriani nötig sein, um hundert dicke Bände zu schreiben, um die Leidenschaften, die Charaktere und die Herzen der Menschen zu schildern.

Ein großer und geräumiger Hofraum, der sechshundert Gefangene aufnehmen konnte, und ringsum elf Zimmer wie feuchte dunkle Höhlen. Ein einziges enges und niedriges Fenster mit zwei dicken Eisengittern liefert ein fahles, trübes Licht, und wenn man mit dem Blick sucht, sieht man draußen nichts als eine hohe massive Mauer; Läuse und andere ekelhafte Insekten kriechen scharenweise an den feuchten Wänden herum, ein widriger Fäulnisgeruch entströmt dem Pflaster. Am Eingang der Höhle waren zwei große Gitter, eins von Eisen, das andere von Holz, und wenn im rauhen Winter der Sturm raste, dann wurde in dem ekelhaften Loch ein höllischer Tanz aufgeführt. Die Bewohner der traurigen Gruft waren hagere, dürre, schimmelige, leichenhafte Gestalten, das Auge, der Spiegel der Seele, war erloschen und lag tief in der Höhle.

Schlecht gekleidet, schlecht ernährt, unsauber – trotzdem waren diese elenden Geschöpfe des lieben Gottes lustig, die Feinde Gottes und seiner gütigen Vorsehung.

Da waren zum Tode Verurteilte, zu zwanzig-, zehn-, fünfjähriger, zu lebenslänglicher Zwangsarbeit Verurteilte, solche, die zu sechs Monaten, zu einer Woche, zu einem Tage, zu einer Stunde verurteilt waren, Angeschuldigte, die entsetzt dem Ende ihres Dramas entgegenschauten, alles in buntem Gemisch durcheinander; zusammengekauert, eingeschlossen in einen eisernen Ring, unter der unerbittlichen Hand des Unglücks und unter der schweren Geißel der Gefängniswächter. Das war der Raum zu ebener Erde.