Der obere Raum setzte sich aus fünf großen Zimmern zusammen, die an dreihundert Gefangene enthalten konnten. Ein großer Säulengang mit langen Eisengittern in Hufeisenform diente dazu, die Gefangenen der oberen Wohnung aufzunehmen, wenn sie ihre Stunde frische Luft schöpften, und diente als Durchgang für die Wärter und die Gefangenen; zur linken des Eingangs war das Krankenzimmer, in zwei höher gelegenen Zimmern wohnten die Wärter. Um die oberen Räume kennen zu lernen, braucht man nur die unteren zu vergleichen, die ihnen gleich waren, was Schmutz und Lebensführung betrifft; jedoch mit dem Unterschied, daß man zu ebener Erde mit dem Strohsack auf dem nackten Boden, oben dagegen auf Pritschen lag; je zwei der fauligen und stinkigen Strohsäcke nahmen drei Gefangene auf.
Die Nahrung war sehr schlecht; die Suppe ein ranziger, bitterer, ekelhafter Brei, das Brot trocken, schwarz, widerlich; aber man achtete diese Nahrung wenig oder gar nicht, denn Donnerstags und Sonntags brachte jede Familie ihren verwandten Gefangenen einen gut gefüllten Quersack und Geld mit, das in der unten gelegenen Schenke ausgegeben wurde.[13]
Eines Morgens, als wir auf dem Hofe waren, zur Zeit der Freistunde, befand ich mich im Säulengang, denn ich war in eines der oberen Zimmer geschickt; es ertönt die Glocke als Zeichen, daß die zum Luftschöpfen gewährte Stunde vorbei war und jeder Gefangene in sein Gemach zurück mußte. Beim gewohnten Geräusch rührt sich keiner, als ob man das Klingeln der Glocke nicht gehört hätte; es läutet zum zweiten Mal; dieselbe Gleichgiltigkeit bei den Gefangenen; nun stellten sich die Wächter mit ihrem Oberhaupt im Kreise auf, schreiend und drohend. Ein Schrei, ein drohendes Gebrüll erscholl aus tausend Kehlen.
»Nieder mit der Kanaille, nieder die Polizisten, schlagt den Wachtmeister tot, schlagt die Wächter tot!« Und zweitausend Augen funkelten im Dunkeln und tausend spitze Eisen erhoben sich drohend in die Luft. Der Wachtmeister und seine Untergebenen flohen schleunigst, vernagelten die Eisengitter, eine Abteilung Soldaten mit aufgepflanztem Bajonnett bewachte den Ausgang, zwei Kanonen wurden aufgefahren, die Mündung nach dem Schloß S. Giovanni gerichtet.
Der Präfekt, von zwei anderen obrigkeitlichen Personen begleitet, kommt hinzu, und alle gehen zusammen mit dem Wachtmeister auf den Säulengang, dem wütenden Haufen gebietend, daß jeder sich in seine Zelle begeben solle.
»Herunter!« so ertönte es, »hinaus mit dem Schurken!« und tausend Eisen leuchteten drohend zu dem Präfekten empor. Nun ersuchte der Beamte die Menge einen Augenblick um Ruhe; er ließ den Gefangenen Diogene Pierre rufen und sprach mit ihm, während ein triumphierendes Lachen seine trockenen Lippen umspielte.
»Brüder und Freunde«, rief Pierre der schweigenden Menge zu, »geht alle hinein!«
Schweigen folgte diesen Worten, die Menge zog sich zurück, wie eine Viehherde in den Stall geht. Tags darauf wurde Diogene Pierre, der zum Tode verurteilt war, ein berüchtigter Räuber und Mitglied der Camorra, seiner Anstalt übergeben, um die heimatliche Luft zu genießen; wenige Tage später durchbrach er ein Gitter des Gefängnisses und entfloh auf das Land, in der Hoffnung, etwas zu seiner Zerstreuung zu finden, aber er fand nur eine gute Kugel von dreiviertel Lot Blei, die ihm ins Rückgrat gejagt wurde, sodaß er alsbald vor seinem Teufel stand, eine Rechnung über seine Heldenthat abzulegen. Nachdem Pierre aus dem Gefängnis fort war, verlor die Verschwörung ihre Kraft und Kühnheit; die Camorristen, ungefähr vierzig an der Zahl, wurden in schrecklichen düsteren Zellen in Eisen gelegt und ihrem Schicksal überliefert, wenn sie verurteilt waren; unter scharfe Aufsicht gestellt, wenn sie in Untersuchung waren. Mehr als alle hatte Francesco Pantano, dem die Knochen tüchtig mit der Zwangsjacke geschnürt wurden, zu leiden.
Meine Verteidiger kamen einige Male, um mich zu sehen; sie gaben mir wenig Hoffnung über den Ausgang meiner Sache; umsoweniger, da die Anklage auf Mord mit Vorbedacht und mit Nachstellung lautete.
Ich blieb acht Monate in der Misthöhle zu Catanzaro, bis eine Abteilung der Karabinieri in schleunigem und besonderem Auftrag mich fesselte, um mich nach Monteleone zu bringen; dort war eine besondere Sitzung der Assisen eröffnet und wurden alle, welche an der Ueberführung teilnahmen, in öffentlicher Verhandlung abgeurteilt und ich mit ihnen.