Es war der 1. August des Jahres 1869; gefesselt ging ich zwischen zwei Karabinieri nach Tiriolo ab, zu Fuß. In diesen Hundstagen mußte ich sechs Stunden marschieren, der Sonnenglut ausgesetzt; um Mittag kam ich in Tiriolo an, müde und matt, ohne Geld und halb tot vor Hunger und Durst; ich hatte nur Schwarzbrötchen, die man mir gegeben hatte, als ich den Kerker zu Catanzaro verließ, aber was nützten sie mir?
Mir war die Kehle zugeschnürt, ausgetrocknet, daß ich mit Mühe und Not etwas salziges Wasser schlucken konnte; die Nacht habe ich auf einer groben Pritsche geschlafen; Tags darauf wurde ich von den Bewaffneten in der Richtung nach Maida geführt und machte wieder fünf oder sechs Stunden angestrengten Marsches; dort warfen sie mich in eine Höhle, welche die Höhle von Maida genannt wird. Ein breites langes Fenster mit zwei ungeheueren Gittern versehen, öffnet sich nach einer Terrasse hin, gegenüber lag eine Spinnerei; dieses Fenster war brusthoch, sowohl von innen wie von außen. Da lag ich in der finsteren Höhle, gewiß würde ich sterben, ehe ich nach Monteleone kam; seit zwei Tagen war mein armer Magen völlig leer, die Kehle geschlossen und so ausgetrocknet, daß ich kaum sprechen konnte. Von unserm Herrgott und den Heiligen verlassen, wie konnte ich die Nacht durchleben, um morgen wieder fünf oder sechs Stunden Wegs zu machen. Und ich beklagte mich über Gott und seine Vorsehung.
Ich Dummkopf!
Die Vorsehung Gottes verläßt die Geschöpfe nie, nein, sie verläßt sie nicht, der irregelenkte Mensch wird von dem Blick des göttlichen Schöpfers verfolgt.[14]
Unter meinem Fenster ging eine gute Alte vorbei, sie sah mich und lächelte mich an, indem sie sagte: »Du hier! Dein Papa und Deine Mama wissen nichts! O, ich eile zu ihnen, ich werde es ihnen sagen!« Und hinkend lief sie davon. Ich hielt sie für verrückt oder albern, und gab nichts auf das, was sie mir gesagt hatte.
Es vergingen keine zwei Stunden, als ein edler Greis mit langem weißen Bart sich vor mein Fenster stellte und mich lächelnd ansah. Ich fragte ihn:
»Herr! wünschen Sie etwas von mir?«
»Nichts«, antwortete er freundlich, »aber bitte, könnten Sie mir sagen, woher Sie sind und wie Sie heißen?« Nachdem ich ihn befriedigt hatte, fragte ich ihn:
»Würden Sie mir den Grund Ihrer Fragen nennen?«
»Wissen Sie, braver Jüngling«, sagte er, »Sie ähneln vollständig meinem Sohne Peppino, wenn Sie in mein Haus kämen, würden meine Frau und meine Söhne Sie für ihn halten; ich wundere mich, wie die Natur Sie meinem Sohne so ähnlich hat machen können; wissen Sie«, fügte er hinzu, nachdem er mich aufmerksam angesehen hatte, »ich beglückwünsche mich dazu, ich bin darüber froh; was ich für Sie thun kann, werde ich thun, wie meinem Sohn; nachher werde ich ihn hierher führen, ich will, daß er Sie umarme.«