Folgendermaßen lautet der Brief des Herrn R…:

Mein gottgesegneter Sohn!

»Ihre Verurteilung hat mich nicht wenig betrübt, und betrübt sind auch meine Frau und meine Söhne.

Ich danke Ihnen für die Empfindungen edlen Wohlwollens, die Sie in Ihrem Schreiben bekunden und bitte Sie zu glauben, daß unsere Liebe zu Ihnen immer dieselbe ist wie in dem Augenblick, da wir zuerst das Glück hatten, Sie zu sehen. Ich schicke Ihnen die Anweisung über zehn Lire zurück, und mir mißfällt Ihre Handlungsweise; ich hatte den Wunsch, Ihnen Geld zu schicken, aber ich möchte Ihr Ehrgefühl nicht verletzen, da ich Sie als sehr zartfühlend erkannt habe; doch bitte ich Sie, sich in jedem Augenblick an mich zu wenden, wo Sie etwas nötig haben, mit Vergnügen und ohne jeden Eigennutz werde ich Ihnen schreiben, wie nur ein zärtlicher Vater es vermag.

Bewahren Sie uns immer Ihre Liebe, wie auch wir Sie immer lieben werden. Ihr zärtlicher Brief ist wiederholt von mir gelesen worden und unsere Herzen sehnen sich danach, Sie zwischen uns zu sehen. Fassen Sie Mut, fünf Jahre vergehen schnell, verlassen Sie sich auf die göttliche Vorsehung, die, wie Sie selbst sagen, ihre Geschöpfe nie verläßt.

Wenn Sie frei sind, vergessen Sie nicht den Alten in Maida, kommen Sie und überraschen Sie uns, ja? Und werde ich unter der Zahl der Lebenden sein, um Sie wieder zu umarmen? Wenn ich fehlen sollte, werden meine Söhne Sie statt meiner umarmen.

Geben Sie oft Nachricht von sich und Ihrem Aufenthalt, fordern Sie immer etwas von mir. Meine Frau ist betrübt, Sie nicht gesehen zu haben, sie weint bei Ihrem Brief.

Empfangen Sie die Grüße meiner Familie, Peppino umarmt Sie und sagt, daß er Sie dort besuchen will.

Ich küsse Sie von Herzen und segne Sie.

Maida, den 2. Dezember 1869.

Ihr zärtlicher Vater
Francesco R…«

In der Zwischenzeit, während ich mich im Gefängnis zu Catanzaro befand, heirateten meine Schwestern, und mein Bruder verheiratete sich mit Micheline M…, einer Spilingotin, der Schwester eines von denen, die meine Schwestern geheiratet hatten. Während diese Brut und der Dummkopf, mein Bruder, sich auf den Festen Hymens ergötzten, Wein tranken und das halbe Erbteil verpraßten, das mein unglücklicher Vater ihnen hinterlassen hatte, seufzte ich Ärmster in den finsteren Höhlen zu San Giovanni in Catanzaro.

Ich weiß nicht, wie lange ich im Gefängnis zu Monteleone blieb. Jener gute Alte, mein Onkel, der Priester Girolamo M… kam oft, mich besuchen, wobei er Micheline, das Weib meines Bruders als einen Engel schilderte, und er pflegte sie einen »himmlischen Engel« zu nennen, und sagte, daß sie schön und kräftig sei. Ich konnte daraus entnehmen, daß er an der famosen Micheline etwas fand, das ihn erregte und ihm einen heimlichen Kitzel verursachte, so alt er war, oder daß er etwas elastisches gesehen habe, worüber er den Kopf verlor. Der arme Thor!

Micheline M…, die Tochter des Schurken Betta, die verbissene Schülerin der Grundsätze des berüchtigten Ruina, ein Engel an Leib und Seele!!

Wir werden seiner Zeit von diesem Engel sprechen und dann werden die Spilingoten und meine Landsleute mir Gerechtigkeit widerfahren lassen.

Es kam Befehl vom Ministerium, daß achtzig Gefangene aus dem Gefängnis Calabriens nach Lucera do Puglia geführt werden sollten, um dort ihre Strafe zu verbüßen, und in dieser Zahl war ich mit inbegriffen.

In meiner Abteilung waren wir neun in einem Zuge. Wir reisten über Pizzo und in jenem Gefängnis sollten wir den Tag erwarten, wo der Dampfer kam, der uns nach Neapel bringen sollte. In Pizzo beauftragte meine Familie meinen Verwandten, Michela M…, damit, alles mögliche zu thun vermittelst ärztlicher Zeugnisse, daß ich an jenem Tage nicht mit abreiste. Ich blieb einen Monat im Gefängnis zu Pizzo, alle andern Gefangenen waren in Lucera angekommen, ich allein fehlte. Im Gefängnis zu Pizzo waren in dem Zimmer, wo ich wohnte, noch fünfzehn oder zwanzig Gefangene, meistens zu Kettenstrafen verurteilt, die nach dem Bagno geführt werden sollten, die andern waren Angeklagte und standen unter schwerem Verdacht.

Man kam überein, einen Fluchtversuch zu machen, und im Fall des Gelingens auf das Land zu fliehen. Man fing an, an dem Abtritt zu arbeiten, es war nur nötig, das Loch in der Mauer so zu erweitern, daß ein Mann knapp hindurch ging. Wir verschafften uns die zu dieser Arbeit geeigneten Eisen und begannen in aller Ruhe zu arbeiten, und wenn Abends der Wärter kam, um die Gefangenen zu zählen, dann leuchtete er auch mit einer Laterne auf den Abtritt, um die Mauer zu inspizieren; aber wir waren schlauer als er, und wenn wir einen Teil des Tages gearbeitet hatten, brachten wir alles wieder mit Kot und Erde in Ordnung, daß es aussah, als sei nichts zerstört; nachher, nach der abendlichen Inspektion, gingen wir wieder mit unseren Eisen ins Werk. Wir arbeiteten fünf oder sechs Tage, so daß an der Außenseite nur noch der Kalk an der Mauer blieb, der nach einem Hammerschlag nachgegeben hätte.

Wir hielten Rat: diese Nacht mußten wir fliehen, aber ein starkes Hindernis stellte sich uns entgegen, denn nahe dem Ort, wo die Flucht statthaben sollte, stand die Schildwache.