Die arme Vincenzina antwortete mir, daß sie alles so gemacht, wie ihr befohlen, daß sie meine traurige Lage beklage, daß sie mich als ihren Vetter immer lieben werde und daß für mich, als ihren Verlobten, ihre Liebe ewig, unerschütterlich sei, daß sie über mein trauriges Mißgeschick weine und daß sie für meine Befreiung bete.
Jetzt wollen wir den Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen. Am Sonntag nach dem, an welchem meine Gefährten abgereist waren, reiste ich nach Neapel ab, begleitet von drei Karabinieri und einem Genossen, der zu fünfzehnjähriger Zwangsarbeit verurteilt war. Er war nach dem Bagno in Favignana bestimmt und hieß Luigi Perrone aus der Provinz Cosenza und war aus wohlhabender Familie; als Angehöriger der Camorra war er wegen gewisser Vergehen, die er im Gefängnis zu Cosenza verübt hatte, von dieser Sekte dazu verurteilt, daß ihm das Gesicht zerschnitten werde, aber bis zu diesem Augenblick hatte noch kein Picciotto die Ehre gehabt, das fertig zu bekommen.
Er gestand mir, daß er in Neapel im Gefängnis del Carmina nicht mit mir in das Durchgangszimmer kommen wollte, aus Furcht, daß ich ihn verunstaltete, weil die Camorristen von seiner Durchreise benachrichtigt waren und daß er dem Oberwächter davon Mitteilung machen wolle.
Ich bat ihn mit mir zu kommen, da ich dafür einstehen würde, daß ihm nichts begegnen soll, es sei nicht schicklich für einen anständigen Picciotto, sich mit dem Oberwärter ins Einvernehmen zu setzen; eine noch schlimmere Sache könne für ihn eintreten, wenn er im Bagno sein würde; daß es meine Sorge sein solle, ihn der Gesellschaft in Favignana zu empfehlen, wo ich verschiedene Mitglieder kannte, und ich nannte ihm einige gute Camorristen von Ruf, die meine engsten Freunde waren.[15]
Auf mein Zureden willigte er ein; in Neapel angekommen, im Gefängnis del Carmina, traten wir in das Durchgangszimmer ein: ein großes Gemach mit gewölbten Bogen und Säulen, ich glaube, in alten Zeiten ist es eine Klosterkirche gewesen; hier waren ungefähr zweihundert Passagiere, die Tag für Tag, ja Augenblick für Augenblick nach ihrem Bestimmungsort abreisten, während andere Züge von dreißig oder fünfzig Gefangenen, ihre Stelle einnahmen – es war ein höllisches Kommen und Gehen.
Ich fand in diesem Raum einen gewissen Sansosti da Serra S. Bruno, einen berüchtigten Camorristen und ein Haupt der Gesellschaft, der zu lebenslänglichem Kerker verurteilt war und noch die Entscheidung eines anderen Prozesses erwartete, wegen eines im Bagno zu Piombino begangenen Mordes. Er war wie ein zum Galgen Bestimmter gekleidet: rote Jacke und Mütze und grüne Hosen; an den Füßen schleppte er mühsam zwei lange Ketten und große eiserne Ringe, die ein höllisches Geräusch machten. Sansosti war ein alter Bekannter von mir, der, nachdem er mich kaum gesehen hatte, herbeieilte, um mich zu umarmen und mir ins Ohr zu flüstern:
»Das Stichwort?«
»Liebe und Achtung den Gefährten, blinder Gehorsam dem Masto.«
»Liebe und Achtung hast Du, blinden Gehorsam wirst Du mir gegenüber beobachten.« Wir küßten uns, er gab mir zwei Cigarren und wir setzten uns auf die Pritsche.
»Nun, teurer Genosse«, sagte er, »erzähle mir, wie es den Gefährten in Catanzaro und Monteleone geht, ich möchte über gar vieles unterrichtet sein.«