»Lieber Sansosti, würdest Du mir einen Gefallen thun, wenn ich Dich darum bitte?«

»Sicher, bei Gott, mein Bruder!«

»Wohlan, höre mich an, und dann mach' mit mir, was Du willst. Ich, lieber Sansosti, bin nicht mehr der, als welchen Du mich einst gekannt hast; ich bin zu fünf Jahren verurteilt und habe mir vorgenommen, in Frieden in mein Haus zurückzukehren. Jetzt bin ich es müde, von der Camorra sprechen zu hören, von Picciotti, von Rechten und Pflichten. Der wahre Camorrist, der wahre Picciotto ist der, welcher geduldig seine Strafe verbüßt und dann zurückkehrt, um seine Freiheit zu genießen, anstatt in diesen entsetzlichen unheilvollen Höhlen alt zu werden.«

»Mir recht, mein lieber M…, ich habe Mitleid mit Dir, thu' was Du willst; ich will Dir Deinen schönen Entschluß nicht von der Seele reißen; aber heute Abend wirst Du mit mir speisen, damit ich Dich der Gesellschaft vorstellen kann.«

»Mach' was Du willst, Sansosti, aber es würde besser sein, mich von dieser Vorstellung zu entbinden.«

»Nein, nein; ich will es.«

Wir erhoben uns und schritten durch das von Schmutz und Ungeziefer starrende Zimmer. Perrone, der Ärmste, saß in einem Winkel, in seinem Mantel eingehüllt und zitterte bis in das Mark seiner Knochen, doch nicht vor Kälte, sondern vor Furcht.

Kaum hatte ich dem berüchtigten Camorristen entfliehen können, dem Verächter der Menschen und der Natur, als ich mich Perrone näherte; ich fand ihn bleich, entsetzt; ich sprach ihm Mut zu und teilte ihm mit, daß er von niemand gekannt sei und daß die Dinge eine gute Wendung nähmen. Der Ärmste küßte mir die Hände und umklammerte meine Knie, während zwei heiße Thränen auf meine Finger niederfielen.

Abends, um die achte Stunde, wurde eine Tafel auf einer Pritsche errichtet; wir acht Gefangenen setzten uns, denn ein Picciotto konnte nicht die Ehre haben, mit den Camorristen zusammen zu essen; am unteren Ende der Tafel wurde ihnen etwas gereicht. Während die Zähne und die Magen arbeiteten, sagte Sansosti:

»Ich stelle der Gesellschaft einen neuen Genossen, M…, vor, meinen Landsmann, den ich genau kenne; er ist hier auf der Durchreise.« Die Camorristen drückten mir die Hände und küßten mir die Wange, dasselbe that ich. Wir aßen vergnügt und tranken viel, das Mahl war reichlich, der Wein vorzüglich; dann zündeten wir die Cigarren an, gingen im Zimmer umher und sprachen von Schandthaten der Camorra.