So standen die Dinge vorzüglich. Man lebte im Gefängnis wie ein Fürst und nie kam mir der Wunsch, frei zu sein[24]; ich hatte die Freiheit vollständig vergessen, als ob ich sie nie genossen hätte, und Spielen, Singen und Schwelgen war unser Leben; aber der liebe Gott will es anders; unsere Fehler sollen nicht durch Spielen, Singen und Schwelgen vergolten werden. Das Wechselfieber fing an zu wüten, die armen Kalabreser wurden ein Opfer dieser Krankheit; der im Gefängnis San Francesco befindliche Krankensaal war von Leidenden überfüllt. Dieser Krankensaal war luftig, sauber, mit guten Betten, reiner Wäsche und wollenen Matratzen; man befand sich hier sehr wohl. Der Krankenwärter, ein Hallunke erster Klasse, Soldat im Detachement von Monteleone war wegen Diebstahls vom dortigen Gerichtshof zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden, und als unwürdig für den Heerdienst mit den Kalabresen nach Lucera beordert worden; die anderen vier Unterwärter waren reine Kalabresen.

Es ist meine Pflicht, das Benehmen des vorzüglichen Direktors Herrn B… zu rühmen, der daran dachte, den Kalabresen die Dienststellen zu überweisen. Die Unterwärter hatten einen Lohn von sechs Lire monatlich, einen halben Liter Wein täglich und die Krankenkost, ausgenommen das Brot, welches sie gemeinschaftlich hatten[25].

Die Zimmerältesten waren alle Kalabresen und hatten einen Lohn von drei Lire monatlich, ebenso die Zimmerkehrer.

Die Köche waren Gefangene, sie genossen die Freiheit, begaben sich mit einem Wärter in die Stadt, um Einkäufe zu machen und den Kessel, aus dem die Suppe gereicht wurde, aus einem Gefängnis ins andere zu tragen; sie bekamen sechs Lire monatlich, ohne das, was sie stahlen. Die kalabresischen Gefangenen wurden vom Direktor sehr geliebt und geachtet, wie auch von den Wärtern und den apulischen Gefangenen – sie waren gefürchtet, denn mehr als einer war in den Krankensaal gekommen, um sich den Kopf oder eine Wunde zwischen den Rippen verbinden zu lassen.

Das Wechselfieber suchte uns heim, uns arme hilflose Geschöpfe!

Der Krankensaal war voll von Kranken, so daß alle fünfunddreißig Betten belegt waren und die andern in den Zimmern selbst behandelt werden mußten. Mehr als zwanzig ließen ihr Leben, ob nun der elende Arzt, ein schläfriges Vieh, die Ursache war oder die nicht regelrechte Medizin oder Verpflegung; Thatsache ist, daß die Ärmsten erbarmungslos sterben mußten.

Auch ich wurde ein Opfer des Fiebers und kam in den Krankensaal; ich war so hinfällig, daß ich das Essen nicht verdauen konnte und es wieder ausbrach, wenn ich es kaum gegessen hatte, lange und starke Delirien überkamen mich. Das Chinin hatte keine genügende Kraft mehr, um das traurige Übel zu entfernen, in der Milz empfand ich heftige Stiche und brennende Schmerzen. Einige Tage, als ich im Krankensaal war, bemerkte ich, wie der Oberwärter mit seinem Messer den Kalk von der Wand abkratzte und ihn mit dem Chinin mischte; das entsetzte und empörte mich nicht wenig, so daß ich eine Eisenstange aus dem Bett losriß und ihm zwei gute Hiebe über den Rücken und auf den Kopf gab, so daß er wie ein Mondsüchtiger auf der Erde herumrollte; wenn mir nicht ein anderer Kranker den Arm gehalten hätte und mich nicht, um Hilfe rufend, wie mit eisernen Klammern umschlossen hätte, dann hätte ich ihn sicher kalt gemacht.

Es kam alles zur Kenntnis des Direktors, der ihn sofort aus dem Krankensaal entfernen ließ, während einige Tage darauf ein Kalabreser ihn mit der Klinge eines Rasiermessers gehörig auf beide Wangen zeichnete, so daß er ein Auge verlor – zum Andenken an seine Schändlichkeit.

Ein alter kalabresischer Priester, der zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt war, übernahm den Posten als Oberwärter.

Zwischen dem Direktor, dem Arzt und dem Chef der Wache wurde beraten und beschlossen, daß die vom Wechselfieber ergriffenen Kalabreser nach der Strafanstalt geschickt werden sollten.