»Armer Unglücklicher!« Zwei Thränen traten ihm in die Augen. »Sie haben gelitten, aber hier wird es Ihnen gutgehen, wenn Sie meinen Rat anhören. Vertrauen Sie auf Gott, er ist unser Vater und verläßt uns nicht. Ich will Ihnen eine Mahnung zu Teil werden lassen, aber ich bitte Sie, nehmen Sie sie nicht übel. Sie sind Mitglied der Camorra, das ist für einen anständigen jungen Mann nicht schicklich; ich bin überzeugt, daß man Sie durch Versprechungen und hochtrabende Redensarten dazu verleitet hat; aber es ist ein Verderben, es ist der schlüpfrige Weg, der direkt zum Übel führt. Wir haben hier in der Anstalt traurige Vorkommnisse gehabt wegen dieser verwünschten Sekte, die hier in zwei Parteien gespalten ist, die sich täglich mit dem Messer zu Leibe gehen; sie wissen nicht, wieviel Kummer sie uns dadurch verursachen, oder sie wollen es nicht wissen. Tausendmal habe ich sie gebeten, wie nur ein zärtlicher Vater seine Söhne bitten kann, diese Streitigkeiten zu lassen, sich einander zu lieben, wie es Leidensgefährten zukommt; aber ich habe nicht das Glück gehabt, verstanden zu werden. Sie zwangen mich zur Strafe: fünf Gefangene sind in kurzer Zeit in das Gerichtsgefängnis überführt worden, um sich wegen Mord und Körperverletzung zu verantworten. Glauben Sie, 599, solche Handlungen, die unter meiner Leitung vorkommen, betrüben mich und ich werde schlecht belohnt für die Liebe und das Wohlwollen, das ich ihnen erweise.«
Der brave Mann war untröstlich.
»Sie, 599, werden mir keinen Anlaß zum Mißfallen geben, nicht wahr?«
»Nein, Herr Direktor, ein so edles Herz wie Ihres verdient Achtung, Ergebenheit und Dankbarkeit.«
»Brav! Auch Sie haben ein edles Herz. Wenn Sie etwas brauchen, so wenden Sie sich direkt an mich und Sie werden einen Vater finden. Eine Zeitlang werden Sie in der Schneiderstube beschäftigt werden; später werden Sie dem Schreiber des Krankenhauses als Gehilfe beigegeben werden; dort wird es Ihnen gefallen, und Sie werden vor den bösen Genossen geschützt sein.«
»Ich danke Ihnen für Ihre Freundlichkeit, ich hatte nicht gehofft, hier einen so edelmütigen, menschenfreundlichen Mann zu finden; ich werde für Ihr Wohlergehen zu Gott beten.«
»Thun Sie das, ich habe es nötig.«
Ein Wärter führte mich in das Magazin; er gab mir einen zinnernen Napf, einen hölzernen Löffel und eine ebensolche Gabel, ein Litergefäß aus Zinn und einen irdenen Becher, reines Handtuch, reine Kleider und eine Schuhbürste, trotzdem die Schuhe nie geputzt wurden, da es streng verboten war und sie die natürliche Lederfarbe tragen mußten. Ich habe nicht begreifen können, weshalb man mir eine Schuhbürste gab, wenn ich von einer Schuhbürste keinen Gebrauch machen konnte. Dann gab man mir ein zinnernes Becken und ein viereckiges Stück Pappe mit der Nummer 599, die ich am Kopfende meines Bettes anbringen mußte. Der Wärter führte mich in ein großes Zimmer, ich blicke über die Thür und lese in großen Lettern: Schlafzimmer der Schneider. Der Zimmerkehrer stellte mir das Bett und die anderen Sachen zurecht, und danach führte der Wärter mich zum Arbeitszimmer der Schneider. So gut ich kann und in dunklen Farben will ich die Anstalt hier beschreiben. Von der äußeren Treppe herkommend, trifft man auf zwei einander gegenüber liegende Bureaux, das zur rechten gehört dem Rechnungsführer, das zur linken dem Direktor. Fünf Meter weiter trifft man ein großes hohes eisernes Gitter, durch welches man auf einen finsteren, etwa fünfundzwanzig Meter langen Korridor gelangt, der rechts und links mit Zimmern besetzt ist, wo die Gefangenenwärter schlafen; ferner sind dort die Zimmer der Schreiber und einige Lagerräume. Am Ende des Korridors ist ein zweites Gitter, dem ersteren ähnlich; dann kommt ein krummer Gang und ein Hofraum, etwa zwölf Meter lang und acht Meter breit; in diesem Hof sind zwei mit Erde gefüllte Becken, in denen Bäumchen und Blumen wachsen. Wenn die Gefangenen sich auf diesen Hof begeben, um Luft zu schöpfen, eine Stunde abends und eine Stunde morgens, so gehen sie paarweise in langer Reihe um diese Becken herum; für die, welche müde sind und nicht mitgehen wollen, sind an der Wand mehrere steinerne Sitze angebracht. Hier bewegen sich die Kalabreser und eine fünf Meter hohe Mauer trennt diesen Hof von einem andern, wo sich die Neapolitaner und die Sizilianer bewegen.
Früher waren beide Höfe ein einziger gewesen, da aber die beiden Parteien sich gebildet hatten, hielt der verdienstvolle Direktor es für gut, ihn zu trennen, damit sich die feindlichen Parteien nicht täglich umbrachten. Die Fenster der Schlafzimmer der Schneider, Former und Tischler gingen nach diesem Hofe hinaus. Am Ende des Hofes stand die Kapelle, wo der Priester, Signor Domenico Borzelli, ein gelehrter und geistreicher Mann, Sonntags die Messe las und von Camorra und Picciotti predigte. Wir wenden uns zurück, ein kleiner Gang, ein kurzer Korridor, zur rechten die Zimmer der Schneider, Former und Tischler, und die Zimmer der Zimmerkehrer und Köche, zur linken die Arbeitszimmer der Weber und eine Treppe, eine große Bibliothek, die Bücher über Reisen in Innerafrika und Asien enthielt und zum Gebrauch der Gefangenen diente, an der Wand der Bibliothek hing eine Pendeluhr.
Wenn die Werkstatt der Weber passirt war, befand man sich einem langen Korridor gegenüber, der zur rechten und zur linken etwa zwanzig Zellen hatte, deren jede sechs Gefangene faßte, wo die Neapolitaner und die Kalabreser schliefen. Wir wenden uns zurück, begeben uns in den Korridor der Bibliothek und stehen einer Treppe gegenüber, wir gehen hinauf und befinden uns in einem dunklen Korridor, auf dessen beiden Seiten lange Reihen-Zellen für sechs Personen: hier schliefen Kalabreser, Neapolitaner, Abruzzen und Sizilianer.