An der Thür jeder Zelle war ein kleines Pförtchen, von wo aus der Wärter sie Tag und Nacht übersehen konnte, und in jeder Zelle war ein großes langes Fenster mit einem Gitter aus Gußeisen, vier dicke eiserne Stangen. Links von diesem Korridor eine massive Thür, ein kurzer gerader Gang und acht dunkle Zellen, die Strafzellen. Ich blieb neun Monate in der Schneiderwerkstatt, wo ich Schnupftücher, Handtücher &c. säumte, ich verdiente das ansehnliche Gehalt von 6 Centesimi täglich, hundertundachtzig Centesimi monatlich, aber wir Gefangenen konnten unser Geld nicht ausgeben; nur Schnupftaback gab es beim Oberwächter zu kaufen, soviel man wollte. Rauchtabak und Cigarren waren streng verboten, und es rührte mich, als ich sah, wie einige etwas Schnupftabak in ein Tuch banden und sich den Knäuel in den Mund steckten, um den Tabak zu kauen. Ich versuchte es ebenfalls, aber in zwei Tagen schwoll mir der Gaumen und das Zahnfleisch an und wurde rissig, so daß ich diese neue Art zu kauen aufgab.
Ich wurde der Gehilfe des Schreibers des Krankenhauses, eines braven Burschen aus Benevent, mit dem ich lange Zeit wie mit einem Bruder lebte. Ich hatte Krankenkost, eine Suppe, ein gutes Stück gebratenes Fleisch, einen Becher Wein und Morgens ein Weißbrod, Abends Mehl- oder Reissuppe, Fleisch oder zwei Eier, Käse, Brod und einen Becher Wein; es ging mir gut und ich hatte mehr Freiheit als die anderen Gefangenen.
Soll ich eine Episode erzählen, die Euch erschauern lassen wird? So hört:
Eines Tages traf ein Jüngling von vierzehn Jahren in der Anstalt ein, aus der Provinz Salerno, er war zu drei Jahren verurteilt, rosig und frisch. Nach einem Monat Einzelhaft wurde er in die Schneiderwerkstatt geschickt, wo ich mich befand. Mehrere kalabresische und abruzzische Camorristen fingen an, ihm den Hof zu machen und die Eifersucht bemächtigte sich der elenden Sodomiten. Eines Abends löschten sie die Lampe aus, die mitten im Zimmer brannte und blieben im Dunkeln; ich ahnte, was für ein Unglück kommen sollte, sprang im Hemde aus dem Bett, steckte die Hand in meinen Strohsack und holte ein langes krummes Messer heraus, das gut geschärft und gespitzt war, und auf dem Bettrand sitzend, hielt ich Wacht.
Die Lampe wird wieder angezündet und zwei mit langen Dolchen bewaffnete Camorristen fingen an, in größtem Stillschweigen zu fechten, das Blut floß in Strömen aus ihren Wunden, aber stets herrschte Scherzton, die Kämpfenden waren entblößt, die übrigen Gefangenen saßen auf ihren Betten. Mit furchtbarer Gewandtheit springen sie hin und her, jetzt sich beugend, jetzt einen Stoß parierend, auf einmal fällt einer der Gefangenen, erhebt sich wieder und rollt mitten in das Zimmer; der andere stürzt sich auf ihn, setzt ihm das Knie auf die Brust, hält mit der rechten den bewaffneten Arm des Gefallenen und stößt mit der Linken wiederholt seinen Dolch dem Unglücklichen in Hals und Brust. Mit Blut bespritzt erhebt er sich, öffnet das Fenster und ruft die dienstthuende Wache.
»Was giebt's?« antwortet ein Mann von draußen.
»Rufen Sie einen zweiten Wächter, um Nummer 336 in die Totenkammer zu bringen.«
Die Wächter mit ihrem Chef eilen herbei, sehen das entsetzliche Schauspiel und erbleichen, der blutgetränkte Leichnam wurde fortgeschleppt, der Mörder in eine Zelle geschafft, – wir schlossen in jener Nacht kein Auge.
Tags darauf wurde der vierzehnjährige Jüngling, die unfreiwillige Ursache des blutigen Ereignisses, in seinem eigenen Bette schwer verstümmelt gefunden. Der Leib war ihm bis zum Nabel aufgespalten, er war bewußtlos und starb am Abend, unaufhörlich nach seiner Mutter rufend. Wenn ich alles erzählen wollte, würden Euch vor Grausen die Haare sich sträuben und das Blut in den Adern gerinnen, aber die gute Sitte, die Rücksicht auf den Leser verbietet es.[35]
Meint Ihr, daß Tags darauf von dem traurigen Ereignis gesprochen wurde? Niemals, als ob nichts passiert wäre; wenn man jemand fragte, so antwortete man ganz trocken: