Zweiunddreißig reisten ab, aber nach wenigen Tagen kehrten sie zurück, da sie sich nicht gut geführt hatten; andere kamen hin und blieben dort. Von neuem sind die feindlichen Parteien wieder zusammen und ein Gefangener aus Benevent entfacht den Streit wieder, indem er Borghese einen Messerstich in den Rücken giebt, im Auftrage D. Gennarinos, der von seinem Leiden wieder hergestellt war. Das erbitterte die Partei der Kalabreser sehr, und sie schworen blutige Rache. Ich schlief in dem Zimmer, wo Borghese und andere Camorristen waren, mir gefiel es da nicht, heute oder morgen konnte ich in einen Kampf verwickelt werden, so daß ich keinen heilen Knochen behielt; ich ließ den Direktor rufen und bat ihn, mich in eine der unteren Zellen zu bringen; er willigte gern ein und lobte mein Betragen.
Ich kam in eine Zelle, wo fünf Gefangene waren, zwei brave neapolitanische Schuster und drei sizilianische Former; hier war ich in Frieden, den ganzen Tag war ich im Krankenhause, wo ich dem Schreiber half: Abends plauderten und scherzten wir in der Zelle wie gute Kameraden, und liebten einander von ganzem Herzen.
Es besteht die Vorschrift, daß ein Gefangener, der während der Zeit, wo auf dem Hof spazieren gegangen wird, den Abtritt benutzen muß, einen Zettel heraushängt, auf dem das Wort »Besetzt« steht; und auf dessen Rückseite das Wort »Frei« sich befindet, welches sichtbar zu machen ist, wenn er seine Bedürfnisse befriedigt hat. Wenn ein Gefangener das Wort »Besetzt« vorfindet, muß er warten und darf die Thür des Abtritts unter keinen Umständen öffnen, widrigenfalls er schwerer Strafe entgegensieht. Nun geschah es, daß ein Sizilianer auf den Abtritt ging und das Wort »Besetzt« herausgehängt hatte; nachher vergaß er, den Zettel umzudrehen. Ein Former, der nachher kommt, findet das Wort »Besetzt« und wartet, aber aus dem Abtritt kommt niemand heraus, so daß ihm der Gedanke kommt, die Nr. 448 ist tot. Ich stehe dabei und berste vor Lachen, während der Dummkopf eine halbe Stunde steht und wartet. Ich kann mich nicht mehr lassen; er stiert den Zettel an, wie ein Gespenst, das ihm zu sagen scheint: Hinweg, komm' nicht heran! Der arme Teufel verzehrt sich in seinen Nöten; endlich kann er den inneren Drang nicht mehr halten und es passiert ihm etwas; in seinem Zorn und um zu sehen, ob die Nr. 448 tot ist, öffnet er die Thür und bleibt wie gebannt stehen – der Abtritt ist leer, Nr. 448 ist nicht da; wie ein Rasender eilt er zu den Gefangenen, sucht und findet Nr. 448, nähert sich ihm und giebt ihm eine riesige Ohrfeige mit den Worten:
»Verfluchter Dummkopf, warum hast Du den Zettel nicht umgedreht?«
Auf diesen Gewaltakt stürzten einige Landsleute der 448 hinzu und verabfolgten dem Missethäter einige Ohrfeigen: das zündet, man ergreift die Waffen, und wenig fehlte, so wäre eine zweite Schlacht gefolgt; so endete die Sache mit einigen leichten Verwundungen.
Mein Verwandter Cosmo M…, der in Neapel wohnte, suchte mich auf und war trostlos, als er mich so elend und abgemagert sah; er stellte sich mir zur Verfügung, wenn mir etwas fehlen sollte und gab mir seine Visitenkarte und seine Adresse. Durch einen Gefangenenwächter übermittelte er mir ein Päckchen Rauchtaback, eine Pfeife und Zündhölzchen; der Wächter brachte sie mir heimlich, so daß ich mir Nachts eine Pfeife leisten konnte. Ich teilte den Tabak in zwei Hälften, die ich in mein Taschentuch einwickelte und versteckte, die eine im Kopfende, die andere im Fußende meines Strohsackes, die Pfeife und die Zündhölzer verbarg ich da, wo ich meine Waffen hielt. Nach zwei Tagen wurde eine Untersuchung veranstaltet, während die Gefangenen in den Werkstätten waren; man begiebt sich in meine Zelle, untersucht den Strohsack und findet eine Hälfte mit Tabak.
Der Direktor kommt und sagt mir:
»Woher haben Sie diesen Tabak?«
»Das kann ich auf keinen Fall sagen.«
»Wissen Sie, daß der Rauchtabak hier streng verboten ist?«