»Nur zu gut.«
»Ich müßte Sie mit vierzehn Tagen Wasser und Brot bestrafen, aber diesmal will ich Ihnen verzeih'n, hüten Sie sich in Zukunft.«
Und ich ging frei aus. Ich erfuhr, daß derselbe Wächter, der mir den Tabak gebracht hatte, den Verräter gespielt hatte. Der Tabak war unter den Wächtern verteilt worden. Ich brachte in Erfahrung, daß Tags darauf eine neue Untersuchung stattfinden solle, wobei die andere Hälfte des Tabaks gefunden werden sollte. Am Abend nehme ich den Rest des Tabaks und verstecke ihn in dem Strohsack eines Genossen ohne dessen Wissen; dann fülle ich ein Taschentuch mit Koth und stecke es in meinen Strohsack. Tags darauf gingen wir wie gewöhnlich in die Werkstatt. Die Untersuchung erfolgt, man findet Waffen aller Art, man begiebt sich in meine Zelle und derselbe Wächter, der mir den Tabak brachte und ihn nachher entdeckte, stürzt wie ein Hungriger hinein auf meinen Strohsack, steckt die Hand hinein und holt das zusammengerollte Tuch hervor, zeigt es seinen Genossen, drückt es mit väterlicher Liebe an die Brust und sagt:
»Hier ist die Leiche!«
Der Kot spritzt ihm in's Gesicht, über die Brust und die Hände, entsetzt starrt er die »Leiche« an, während die andern durcheinander riefen:
»Prächtig, wahrhaftig reizend; was für eine kostbare Bartwichse! Und der schöne Geruch; Dich hat man schön herausgeputzt!« Und sie bersten vor Lachen.
Der arme Wächter mit dem beschmierten Gesicht warf das Tuch empört auf den Korridor und wischte sich das Gesicht, die Hände und die Brust ab. In der Werkstatt wurde viel über das Abenteuer gelacht, ich weiß nicht, ob der Direktor davon erfahren hat, jedenfalls ließ er mich nicht rufen. Inzwischen lief die Strafzeit des Schreibers im Krankenhaus ab, und ich nahm seine Stelle ein mit zwölf Lire monatlich, eben so viel bekam ich von Hause, so daß ich im Ganzen vierundzwanzig Lire hatte, die mir gutgeschrieben wurden. Wir konnten unser Geld nicht ausgeben, sondern zuweilen uns nur einen Käse, ein Ei oder einen grünen Salat leisten, was uns dann verrechnet wurde. Aber endlich gab der Direktor unserm Verlangen nach, da wir mehrere Male die Kost verweigerten, und wir konnten uns kaufen, was wir wollten, aber Wein nicht mehr als einen fünftel Liter, und Liqueur war streng untersagt. Als der gute Direktor sah, daß Ruhe in der Anstalt herrschte, ließ er uns eine Musikkapelle bilden, wozu er selbst die Instrumente kaufte. Wir waren siebzehn Musiklehrlinge, ein tüchtiger neapolitanischer Meister kam zwei mal täglich, drei Stunden Morgens und drei Stunden Abends, um uns zu unterrichten, wofür er vom Direktor monatlich hundertfünfzig Lire erhielt. Wir lernten rasch, machten uns Notenpulte und alle Abend spielten wir ein paar Stunden auf dem Hof in Gegenwart der Wache, des Direktors und des Rechnungsführers, die sich über unsere schönen Leistungen freuten.
Der Präfekt, der Syndikus und andere behördliche und angesehene Personen wollten uns eines Tages spielen hören und lobten das Werk des Direktors. Die Aufführung ging nach Wunsch, wir freuten uns an unserem friedlichen Dasein und liebten einander, während die Rasenden, die in das Gerichtsgefängnis gebracht waren, zu fünf bis zehn Jahren Zuchthaus verurteilt wurden. Die armen Thoren!!…
Ob es ein ehernes Gesetz der menschlichen Natur, des Schicksals oder der Hand Gottes ist – es ist ein Verhängniß, daß der ins Unglück geratene Mensch nicht lange sich am Frieden, an der Ruhe, an einem Lächeln erfreuen soll. Es ist uns armen Sterblichen nicht gestattet, dem Willen der Gottheit nachzuforschen und ist uns Verruchten und Verachteten nicht erlaubt, in dem geheimnisvollen Drama des Lebens dem leitenden Grunde, dem Unerforschlichen nachzuspüren und zu ergründen, woher das Elend und die Schande in dem sinnlosen Leben so vieler Millionen böser Menschen, die sich mit sardonischem Lächeln über alles hinwegsetzen. Geschick, Fügung, Glück, Schande, Unglück – dunkle, sinn- und verstandlose Worte, Abstraktionen unseres Geistes, ein eingebildeter Traum unserer Träume… Traum und Hirngespinnst ist alle Philosophie und Sophisterei, des Gottesleugners wie des Zweiflers, des Heiden und Christen, des Materialisten und des Rechtgläubigen, des Gelehrten und des Unwissenden, des Reichen wie des Armen; alles, alles, das All im All, ein unerbittlicher Traum unserer Träume ist das menschliche Leben, sein tragischer Verlauf, seine schlafwandelnden Abenteuer; und wenn ich glaubte am Ziel zu sein und den unsinnigen Traum deiner Träume erfaßte, den düsteren Traum der Todesangst, den röchelnden Traum des Sterbenden, dann empfing ich den Urquell deiner Träume und aller Träume deines körperlichen und geistigen Schlafwandelns, die du schließlich in die Metamorphose des ewigen Traumes umwandeltest. Das ist das Leben, das ist das eherne Geschick, das grausame Verhängnis, das herzlose Schicksal, das traurige Unglück. Das ist der Traum der Weisen und der des Urmenschen; der gräßliche Traum des Reichen und der hungrigen Armen. Das ist der unabänderliche Lauf des menschlichen Lebens. Und setzt sich der irdische Traum in der Ewigkeit fort? Der tiefe Abgrund, der das träumende Schlafwandeln scheidet, weist darauf hin, daß dort in der Welt, in die man geht und aus der man nicht zurückkehrt, fortgeträumt wird; aber es ist kein Traum mehr im Schlaf. O nein, es sind wachende Träume, Träume aus dem vergangenen Leben, Träume von deinen Leidenschaften, deinen Wahnvorstellungen, von dem Schmutz und der Schändlichkeit, mit der du dich beflecktest, als du einstmals träumtest; ein Traum ist deine kleinmüthige Schwäche, hartnäckige Unwissenheit, Träume sind die häßlichen Schauspiele deiner verderbten Liebe, deiner ungeheuerlichen Neigungen!!
Das ist weltliche Philosophie, das ist das Problem des Lebens und des Todes, das ist die Lösung unseres Dramas. Gefällt's Euch? Scheint's Euch paradox? Wollt Ihr daraus lernen? Soll ich's Euch sagen? Aber nehmt keinen Anstoß daran.