»Die Cholera,« sagt der Arzt.

Nun wurden in der Anstalt ernstliche Vorsichtsmaßregeln getroffen; die Werkstätten wurden in Schlafräume umgewandelt, und in den Zimmern, wo bisher zehn Gefangene waren, blieben nur fünf, wo sechs waren, nur drei, und die Betten wurden auseinandergerückt.

In einem großen Raum wurden die leicht Erkrankten untergebracht, in der Schneiderstube, die höher lag als die anderen Werkstätten und Zimmer, die schwer Erkrankten, welche von vier Gefangenen bedient wurden, die fünf Lire täglich bekamen und essen und trinken konnten, was sie wollten. Eine außerordentliche Reinlichkeit herrschte in der ganzen Anstalt; wir rauchten den ganzen Tag, die Zimmerthüren waren Tag und Nacht geöffnet; die Kapelle spielte häufig; am Tage und in der Nacht wachten je zwei Ärzte, und der menschenfreundliche Direktor nahm seine Frau und einen Sohn von zehn Jahren in der Anstalt auf. Es war ein förmliches Schlachtfeld; wir bewaffneten uns mit Kanonen, Mitrailleusen, Flinten, Revolvern, Pistolen, geraden und krummen Säbeln, Bajonetten und Dolchen – kurz, wir waffnen uns und rüsten uns, daß wir unbesiegbar sind und nehmen mächtig Lebensmittel und Munition ein; alles, um Mann gegen Mann das entsetzliche vielköpfige Ungeheuer, die Cholera, zu bekämpfen. In dem tödlichen Kampf mit der Stadt war dieses gräßliche Ungeheuer kühn und dreist geworden, es kämpfte gelassen und schritt durch die Paläste der Reichen, die bescheidenen Häuser der Arbeiter und die Hütten der Elenden dahin; es ließ sich gierig in der herrlichen Straße Corso Vittorio Emanuele nieder und griff mit mächtigem Ansturm unsere Burg an, die wir unerschrocken verteidigten gegen das Ungeheuer, das mit schwarzen Leichen umgeben war; da erscholl ein Geheul aus tausend Kehlen; ein Schrei der Verzweiflung rang sich aus der Brust von sechshundert Gefangenen; der furchtbare Drache hatte Bresche gelegt in unsere Mauern und mit blutrünstigen Augen schwang er seine unerbittliche von Blut befleckte Sichel – nur Sieger, nie besiegt, nur triumphierend, nie niedergeschmettert – und doch boten wir dem Feinde noch Trotz.

Am Tage nach dem Tode des Wächters aßen zwei Genossen gemeinschaftlich aus einer Schüssel etwas Reis, da erhebt sich der eine zitternd, tastet an der Mauer entlang und beginnt sich zu erbrechen; unter wilden Schmerzen, mit rauher angstvoller Stimme stößt er ein »Ha« aus und fällt wie vom Blitz getroffen zu Boden. Er wurde aufgehoben und in das Zimmer der Erkrankten getragen, bald darauf war er eine kalte Leiche und schwarz am ganzen Körper.

»Herr Direktor, welche Krankheit darf ich bei Nr. 119 verzeichnen?«

»Cholera!«

Ich war von Furcht ergriffen und vor Schrecken gelähmt, denn Tag und Nacht mußte ich die Ärzte begleiten und die Mittel niederschreiben, die sie verordneten.

Die Kost wurde gewechselt; wir erhielten Morgens trockenen Mehlteig mit geschabtem Käse und ein schönes Stück gebratenes Fleisch, sowie einen mächtigen Becher Wein; Abends Kalbsbraten, Weißbrot und einen Becher Wein; beim Schluß des Tages jeder ein Glas mit Chinin versetzten Rosenliqueur.

Die Streitigkeiten der camorristischen Partei verloren an Heftigkeit, die Feindseligkeiten und die Ränke hörten auf, man dachte daran, sich gegenseitig zu lieben und das Ungeheuer zu bekämpfen, das uns zu verzehren drohte.

Inzwischen war der Saal der Erkrankten überfüllt; viele starben ohne Erbarmen, nachdem sie aus ihrem ausgetrockneten Halse das letzte »Ha« ausgestoßen hatten.