Wo sind die Vögel in der Nacht? Am Tage sehen wir sie auf Feldern, auf Bäumen und in den Hecken. Sie suchen Nahrung in den Gärten, auf den Obstbäumen und im Walde. Aber am Abend, wenn die Sonne untergeht, hören wir sie singen, als ob sie „gute Nacht“ sagen wollten, und dann verschwinden sie. Nur die Nachtvögel sind nach Sonnenuntergang noch draußen. Eulen schreien und fliegen nach dem Dunkelwerden aus, Nachtigallen singen die ganze Nacht hindurch bei warmem Sommerwetter, und wenn Wiesenknarrer oder Wachtelkönige da sind, wird man ihren eintönigen Ruf „rerrp, rerrp“ noch lange hören, nachdem man sich zur Ruhe gelegt hat.
Aber die anderen Vögel sind nirgends zu sehen. Wo sind sie? Es ist nicht leicht, sie zu finden, denn sie verstecken sich aus Furcht vor den Eulen, den Wieseln und Mardern und fliegen fort, wenn man in ihre Nähe kommt.
Die kleinen Vögel schlafen hauptsächlich in den Hecken. Man wird überrascht sein, daß es so schwer ist, sie zu entdecken, selbst im Winter, wenn keine Blätter an den Bäumen sind; denn die sich kreuzenden Zweige und Äste verbergen sie gut. Keine Eule und kein Habicht würde imstande sein, einen Vogel in einer Weißdornhecke zu fassen.
Aber wie halten sie sich auf den Zweigen, wenn sie schlafen? Würden wir versuchen, im Stehen zu schlafen, so würden wir umfallen. Denn unsere Muskeln würden schlaff werden, wir würden anfangen, mit dem Kopfe zu nicken, und die Knie würden unter uns nachgeben.
Bei einem Vogel ist es anders. Er sitzt auf einem Zweige, den er mit seinen Krallen umspannt. Dann kauert er nieder und beugt dabei die Beine. Dadurch aber zieht ein Muskel im Kniegelenke die Muskeln der Zehen ganz fest zusammen, so daß seine Krallen sich eng um den Zweig schließen. Er kann sich nicht bewegen, bis er sich aufgerichtet, die Beine gestreckt und so die Krallen frei gemacht hat. Je fester er also schläft, desto enger umfaßt er den Zweig, und desto weniger wahrscheinlich ist es, daß er herunterfällt.
Vögel schlafen draußen, sowohl im Sommer als auch im Winter, und sie haben eine sonderbare Decke, um sich warm zu halten. Sie besteht aus Luft. Wenn ein Vogel schlafen geht, steckt er den Kopf unter sein Gefieder und sträubt die Federn empor, so daß die Luft zwischen sie eindringt, besonders zwischen die weichen Daunen, die dicht am Körper wachsen. Diese Luft wird bald warm, und da sie nicht hinaus kann, verhütet sie, daß der warme Körper des Vogels von der Kälte durchdrungen wird.
Bei schlechtem Wetter jedoch suchen die Vögel gern einen warmen Winkel auf, in dem sie schlafen können. Sperlinge, Meisen, Zaunkönige und andere kleine Vögel machen sich Löcher in Heu- oder Strohdiemen, die sie als Bett benutzen. Die Eule sucht Scheunen, Kirchtürme und bisweilen Baumlöcher auf, um sich warm zu halten. Die Blaumeise schläft gern unter einem Strohdach, und der Zaunkönig spürt oft alte Nester auf, in denen er sich mit seinesgleichen zusammendrängt, um sich zu wärmen.
Schwalben und Segler brauchen sich nicht um die Kälte zu kümmern, denn sie fliegen bei Anbruch der kalten Jahreszeit nach dem Süden. Im Sommer sitzen sie auf den Scheunenbalken, und wenn man nach dem Dunkelwerden hineingeht, kann man sie infolge dieser Störung von einem Balken zum anderen flattern hören.
Wilde Tauben ruhen in der Nacht in Nadelgehölzen und Habichte auf den Zweigen der höheren Bäume. Auch Fasanen ruhen auf den Bäumen des Waldes. Es ist sonderbar, daß sie uns immer mitteilen, wo sie zu Bett gehen; denn sie lassen ihren weittönenden Ruf „Kockkockkock“ erschallen, wenn sie sich zum Schlafen niederlassen.
Die Rebhühner hingegen schlafen auf dem Erdboden in den Feldern. Sie liegen in einem Kreise mit den Köpfen nach außen und den Schwänzen nach innen. Der Vater schläft gewöhnlich in einiger Entfernung als Wache. Wenn nun ein Fuchs oder ein Wiesel versucht, sie im Schlafe zu fassen, so kann jedes, das wach ist und den Feind bemerkt, den übrigen das Alarmzeichen geben.