Stellen wir uns einen kleinen Baum vor, der im Walde oder auf dem Felde wächst. Vielleicht wird er von Kaninchen oder Rehen abgefressen, ehe er ein Jahr alt ist. Wenn dies der Fall ist, so hat er als Nahrung genützt. Wächst er aber auf, so wirft er gleich im ersten Jahre seine Blätter im Herbst ab, und diese tragen dazu bei, fruchtbare Erde zu bilden und so Nahrung für andere Pflanzen zu liefern.
So geht es nun jedes Jahr; der Baum treibt Blätter, reinigt die Luft und hilft fruchtbare Erde erzeugen. Aber sehr bald fangen die Insekten an, in dem jungen Schößling sich ein Heim einzurichten, denn alle Arten von Bäumen beherbergen Insekten, die davon leben. Schmetterlinge kommen und legen ihre Eier unter die Blätter, von denen sich die Raupen, wenn sie ausgekrochen sind, nähren. Der Käfer legt seine Eier in die Rinde, und seine Larve nährt sich da, bis sie selbst zum Käfer wird, oder bis der Specht oder die Spechtmeise sie finden und fressen.
So bietet jeder Baum einer kleinen Kolonie von lebenden Wesen Unterkunft. Dann kommen die Vögel; sie schlafen nachts in seinen Zweigen und bauen in diesen ihre Nester im Frühlinge. Ulmen werden oft von den Krähen für ihren Horst gewählt; in den Fichten des Waldes schläft die Holztaube, und Fasanen und Falken ruhen auf ihren Zweigen, während Amsel und Drossel die Nacht gern in Nadelholz- oder anderem immergrünen Gebüsch zubringen.
Wenn der Baum groß geworden ist, so trägt er Blüten und Früchte. Diese Früchte und ihre Samen dienen vielen Lebewesen als Nahrung. Die Vogel nähren sich von Beeren, Nüssen und Eicheln. Das Eichhörnchen baut sich ein Nest in Buchen und frißt alle Arten von Nüssen, die es finden kann. Für Feldmaus, Igel und Schwein bilden die Bucheckern und Eicheln eine vortreffliche Nahrung, die sie auf dem Boden finden, während wir die Frucht der Edelkastanie (Marone), des Walnußbaumes und Äpfel, Birnen und Kirschen aus dem Obstgarten essen.
Roßkastanie, links unten Frucht.
V. 1.
Wie nützlich sind doch die Bäume dem Menschen! Sie helfen, den Boden feucht und frisch zu halten. In einem Lande, wo Wälder sind, regnet es mehr als in einem baumarmen, und der Erdboden würde trocken und ausgedörrt werden, wenn die Bäume nicht ihren angenehmen Schatten spendeten. Wie das Weidevieh sich unter ihnen sammelt, wenn die Sonne ihre glühenden Strahlen herniedersendet, und wie friedlich wiederkäuend sie unter ihnen stehen, geschützt vor der Hitze und Glut! Und wie froh seid ihr auf dem Schulwege, wenn ihr unter ihrem Schatten dahingehen könnt, anstatt auf der staubigen Landstraße! Wie schön sind sie auch im Frühling, wenn die frischen grünen Blätter ausschlagen! Immer wieder macht uns der Gedanke froh, daß das Leben des Baumes alle Jahre von neuem beginnt.
Andererseits gibt es Bäume, die so alt sind, daß sie uns an lang vergangene Zeiten erinnern. Der Gedanke, was für eine lange Geschichte solche Bäume erzählen könnten, trägt dazu bei, uns die Heimat lieb und wert zu machen.
Aber selbst Bäume müssen endlich sterben, und wenn sie uns nützlich sein sollen, so müssen sie gefällt werden, ehe sie vermodern. Und wie nützlich ist uns nun erst der Baum nach seinem Tode!