»Welches sind die bösen Eigenschaften, die man am meisten vermeiden muß?« fragte ich den Lama, der etwas hindostanisch sprach.

»Wollust, Stolz und Neid«, erwiderte er.

»Erwartest du jemals, ein Heiliger zu werden?« fragte ich.

»Ja, ich hoffe es; aber es bedarf 500 Wanderungen der unbefleckten Seele, ehe man einer werden kann.«

Dann, wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, ergriff er auf einmal meine Hand und öffnete meine Finger. Als er dies getan hatte, murmelte er einige Worte der Überraschung. Sein Gesicht wurde ernst, sogar feierlich, und er behandelte mich mit seltsamer Unterwürfigkeit. Er stürzte zum Tempel hinaus und lief zu den andern Lamas, um ihnen seine mir fremde Entdeckung mitzuteilen. Sie drängten sich um ihn, und aus ihren Worten und Gebärden konnte man leicht erraten, daß sie sehr bestürzt waren.

Als ich die Gesellschaft der seltsamen Götzenbilder verließ und in den Hofraum kam, wollte jeder Lama meine Hand untersuchen und berühren, und der plötzliche Wechsel ihres Benehmens war mir eine Quelle der Verwunderung und der Neugier, bis ich einige Wochen später den Grund davon erfuhr.

Vierundzwanzigstes Kapitel.
Die Lamas.

Ehe ich das Kloster verließ, richteten die Lamas, die jetzt ziemlich vertraut geworden waren, viele Fragen an mich, Indien und die medizinische Wissenschaft betreffend. Beide schienen Gegenstände großen Interesses für sie zu sein. Sie fragten mich auch, ob ich vielleicht gehört habe, daß ein junger Sahib mit einem großen Heere über die Grenze gekommen sei und daß der Jong Pen von Taklakot dasselbe geschlagen und den Sahib mit den vornehmsten Mitgliedern der Expedition enthauptet habe.

Ich gab vor, von diesen Tatsachen nichts zu wissen, was auch wahr war, obgleich mich natürlich die Art und Weise sehr ergötzte, in der der Jong Pen von Taklakot über das Bärenfell verfügte, ehe er den Bären gefangen hatte. Die Lamas hielten mich für einen Hindudoktor, dank der Farbe meines Gesichts, das von der Sonne verbrannt und lange nicht gewaschen war, und glaubten, ich sei auf einer Pilgerfahrt zur Umwanderung des Mansarowarsees begriffen. Sie schienen begierig zu erfahren, ob in Indien die Krankheiten durch Geheimwissenschaften oder nur mit Arzneien geheilt würden. Ich, der ich im Gegenteil mehr Interesse daran hatte, Mitteilungen zu erhalten als solche zu machen, lenkte die Unterhaltung auf die Lamas selber.

Natürlich wußte ich, daß es Sekten von roten und gelben Lamas gibt, von denen die roten die ältern, jetzt aber an Zahl geringern sind. Die herrschende religiöse Sekte sind die gelben Lamas, die Gelukpa, die auch in politischer Beziehung die mächtigsten sind. Außerdem gibt es im Lande noch spärliche Reste des ursprünglichen Glaubens, der schamanistischen Bon-Religion, die auch als die schwarze Religion bezeichnet wird. Die Lamasereien sind gewöhnlich sehr reich, denn die Tibeter sind ein sehr frommes Volk, und die Lamas stehen nicht zurück in der Kunst, unter allen möglichen Vorwänden Geld von den unwissenden Gläubigen zu erpressen. Neben der Besorgung ihrer religiösen Funktionen betätigten sich die Lamas auch als Händler im großen, indem sie ein schlaues Geldverleihgeschäft betreiben und sehr hohe Zinsen verlangen, die jeden Monat fällig sind. Wenn diese unbezahlt bleiben, wird der ganze Besitz des Schuldners konfisziert, und wenn dieser sich als nicht genügend erweist, das Darlehen zu decken, wird der Schuldner Sklave des Klosters. Wenn man die wohlgenährten Gesichter der Lamas betrachtet, ist es auf den ersten Blick zu erkennen, daß sie sich trotz ihrer gelegentlichen körperlichen Entbehrungen in keiner Weise etwas abgehen lassen, und es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß sie ein ruhiges und behagliches Dasein in verhältnismäßigem Luxus führen, der häufig in Laster und Verderbtheit ausartet.