Aus dem Innern drangen Töne wie von tiefen, heisern Stimmen, die Gebete murmelten; Glockengeklingel und Zimbelklänge mischten sich darein. Von Zeit zu Zeit wurde eine Trommel geschlagen, die einen hohlen Ton gab, und ein gelegentlicher, plötzlicher Schlag auf ein Gong machte die Luft vibrieren, bis die Töne in einem allmählichen Diminuendo von dem Winde über den Heiligen See fortgetragen wurden.

Nachdem Tschanden Sing und ich in die Lamaserei eingetreten waren, wurde die große Tür, die weit geöffnet worden war, sofort geschlossen. Wir befanden uns in einem weitläufigen Hofraume, der an drei Seiten zwei übereinanderliegende Reihen von Galerien hatte, die durch Säulen getragen wurden. Es war das Laprang, das Haus der Lamas, und gerade vor mir war das Lhakang, der Tempel, dessen Fußboden ungefähr anderthalb Meter über dem Erdboden war; eine sehr große Tür führte in ihn hinein. An diesem Eingange waren zwei Nischen, eine an jeder Seite, in deren jeder neben einer großen Trommel ein Lama kauerte, mit einem Gebetbuch vor sich und in den Händen ein Gebetrad und einen Rosenkranz, dessen Kügelchen er nach jedem Gebete weiterschob.

Bei unserm Erscheinen unterbrachen die Mönche ihr Gebet und schlugen in sichtlicher Erregung auf die Trommeln. Nach dem, was ich sehen konnte, herrschte in der Gomba große Aufregung. Alte und junge Lamas stürzten aus ihren Zimmern hin und her, während eine Anzahl von Novizen und Unterpriestern – im Alter von 12 bis 20 Jahren – am Geländer der obern Veranda sich drängten, mit dem Ausdruck sichtlicher Spannung und Neugier auf ihren Gesichtern.

Ohne Zweifel hatten uns die Lamas eine Falle gelegt. Ich ermahnte Tschanden Sing, auf der Hut zu sein, und ließ ihn als Wache an dem Eingange des Tempels, während ich, nachdem ich auf die Trommel des Lamas zu meiner Rechten ein paar Silbermünzen gelegt hatte, zum Zeichen der Ehrfurcht meine Schuhe auszog und zum großen Erstaunen der Mönche ruhig in das Haus ihrer Götter eintrat. Über den Anblick des Silbers und mehr noch über meinen Mangel an Vorsicht erstaunt, blieben die Lamas, deren sich eine große Zahl im Hofe befand, unbeweglich und stumm. Der Oberlama oder Superior des Klosters trat endlich vor, indem er sich tief neigte, den einen Daumen über den andern legte und die Zunge weit heraushängen ließ, um seinen höchsten Beifall darüber zu bezeigen, daß ich die vielen Bilder besuchte, die an den Wänden des Tempels entlang aufgestellt waren, Gottheiten und buddhistische Heilige darstellend. Die größern derselben waren ungefähr anderthalb Meter hoch, die andern ungefähr ein Meter. Einige waren aus Holz geschnitzt und ihre Gewandungen und Schmucksachen waren nach Anordnung und Ausführung ziemlich künstlerisch; andere waren aus vergoldetem Metall hergestellt. Eine Anzahl von ihnen war in sitzender Stellung, einige aufrecht stehend dargestellt, und alle standen sie auf verzierten, vergoldeten Piedestalen oder auf einfachern, blau, rot, weiß und gelb bemalten Sockeln. Viele trugen die alte chinesische doppelflügelige Kappe und standen in Wandnischen, die mit Stoffen, Holzschnitzereien und roh gemalten Bildern dekoriert waren.

Zu Füßen dieser Gottheiten war ein langes Bord, auf dem in glänzenden Messinggefäßen aller Größen Opfergaben von Tsamba, getrockneten Früchten, Käse, Weizen und Reis standen, die die Gläubigen durch die Lamas den verschiedenen Göttern darbringen. Einige der geopferten Gerstenähren waren mit rot, blau und gelb gefärbten, aus Butter geformten Blättern verziert.

Die Decke des Tempels war mit rotwollenem Stoffe drapiert, ähnlich dem der Kleider der Lamas, und Hunderte von schmalen, langen Streifen seidener, wollener und baumwollener Gewebe in allen erdenklichen Farben hingen von ihr herab. Das Dach wurde von hölzernen Säulen getragen, die in der Mitte des Tempels ein Viereck bildeten und durch eine Balustrade verbunden waren, wodurch die Gläubigen gezwungen sind, einen Rundgang, von links nach rechts, zu machen, um vor den verschiedenen Götterbildern vorbeizukommen. In einem Schreine im mittlern Teile der dem Eingang gegenüberliegenden Wand stand der Schutzheilige des Klosters, anscheinend Buddha selbst; die Opfergaben, die hier auf einer Art von teppichbedecktem Altar lagen, waren viel reichlicher als vor den andern Bildnissen.

Der Lama wies darauf hin und sagte mir, daß dies ein guter Gott sei; so machte ich ihm meinen Salaam und legte eine kleine Opfergabe in eine handliche Sammelbüchse, was dem Lama sehr zu gefallen schien, denn er holte sofort eine Amphora mit heiligem Wasser herbei, die mit langen Schleiern der Freundschaft und Liebe behängt war, und goß mir etwas wohlriechende Flüssigkeit auf die Handflächen. Dann zog er einen Schleierstreifen hervor, benetzte ihn mit dem Wohlgeruch und überreichte ihn mir. Die Mehrzahl der Pilger rutscht gewöhnlich auf den Knien rund um das Innere des Tempels, aber trotzdem ich, um eine Beleidigung der Eingeborenen zu vermeiden, den Grundsatz befolge, in Rom zu tun wie die Römer tun, konnte ich es doch nicht unternehmen, mich für den möglichen Fall eines plötzlichen Angriffs in eine so ungünstige Stellung zu bringen. Der Oberlama erklärte mir die Bilder der Götter und warf drei Handvoll Reis über sie, wenn er sie bei ihren Namen nannte, die alle zu behalten ich mir die größte Mühe gab; aber ach! ehe ich noch nach dem Serai zurückgehen und ihre Benennungen aufkritzeln konnte, waren sie meinem Gedächtnis alle entschlüpft. Ein besonderer Eingang führte aus dem bewohnten Teile des Klosters in den Tempel.

Auf dem Fußboden in dem mittlern Viereck standen viele, in Messinggefäßen brennende Lichter, deren Dochte mit geschmolzener Butter gespeist wurden; neben ihnen lagen längliche Gebetbücher, gedruckt auf das glatte, gelbe tibetische Papier, das aus einer faserreichen Rinde gemacht wird. Kleine Trommeln und Zimbeln lagen neben diesen Büchern. Eine Doppeltrommel war, wie ich bemerkte, aus menschlichen Schädeln hergestellt; auch eine eigentümliche Kopfbedeckung, die von den Lamas beim Gottesdienste und den Zeremonien getragen wird, zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Bei diesen Gelegenheiten begleiten sie ihre Gesänge und Gebete nicht nur mit dem Schlagen von Trommeln und dem Klange von Becken, sondern sie blasen auch auf Rohrflöten, klingeln mit Handglocken und schlagen auf ein großes Gong. Der Lärm dieser Instrumente ist zeitweise so stark, daß die Gebete selbst ganz unhörbar werden. Leider gelang es mir nicht, eine der schreckenerregenden Masken zu Gesicht zu bekommen, die von den Lamas bei ihren phantastischen, mystischen Tänzen gebraucht werden. Wenn die Lamas während dieser Zeremonien den ganzen Tag im Tempel zubringen, genießen sie viel Tee mit Butter und Salz, der ihnen von Lamas untergeordneten Ranges, die als Diener tätig sind, in Bechern gereicht wird. So verbringen sie Stunde um Stunde in ihren Tempeln, scheinbar gänzlich in ihre Gebete zu der obersten Gottheit, Kontschok-sum, vertieft.

Wörtlich übersetzt bedeutet Kontschok-sum »die drei Kleinodien«, nämlich Buddha, die heilige Lehre und die Gemeinde der Gläubigen, die so zu einer Dreieinigkeit verbunden sind. In Indien, dem Heimatlande des Buddhismus, wurden die beiden letztern ursprünglich abstrakt aufgefaßt, in Tibet hat man sie personifiziert, wie man denn überhaupt wohl sagen kann, daß der Buddhismus, der von Hause aus im wesentlichen eine Moralphilosophie war, in Tibet in eine Art von Religion umgewandelt worden ist, in der das wesenlose Nirwana zu einem Freudenhimmel und die schattenhaften Gestalten des verklärten Buddha und seiner Heiligen zu persönlichen Göttern geworden sind. Wie im alten Buddhismus nimmt auch hier die Vorschrift der Barmherzigkeit, des werktätigen Mitleids eine hervorragende Stelle ein, wenn sie auch oft äußerlich genug aufgefaßt wird. Je nach dem Maße, in dem der Mensch diese und andere Tugenden ausübt und böse Handlungen meidet, kommt seine Seele der ewigen Glückseligkeit näher, die sie aber meistens erst nach vielen Wiedergeburten erreicht; die Seelen der armen Sünder fahren zur Hölle, wo sie durch Feuer und Eis gefoltert werden.

»Gott sieht und weiß alles und er ist überall«, rief der Lama aus, »aber wir können ihn nicht sehen. Nur die Tschantschubs (eine Art von Heiligen) können ihn sehen und zu ihm sprechen.«