Am Morgen kamen mehrere Lamas zu Besuch und gaben vor, sehr erfreut zu sein, uns zu sehen; sie forderten mich auch auf, ihnen einen Besuch in der Lamaserei und im Tempel abzustatten. Sie sagten, daß Krankheiten im Dorfe herrschten. Da sie mich für einen Hindudoktor hielten, wünschten sie, ich könnte etwas zur Erleichterung ihrer Leiden tun. Ich versprach, alles zu tun, was ich könnte, und war sehr froh, diese ganz einzige Möglichkeit zum Besuche einer Lamaserei und zum Studium der Fälle zu haben, die man mir vorführen würde. Auch bei diesem freundschaftlichen Besuche bei den Lamas trug ich meine Büchse in der Hand.

Aus unserm dumpfigen, dunkeln Zimmer kommend, einen Haufen neugieriger Eingeborener hinter und vor mir, betrachtete ich dieses seltsame Dorf mit großem Interesse. Trotz des nächtlichen Gewitters hatten wir nicht den schönen blauen Himmel, den man hätte erwarten sollen; drohende Wolken hingen über uns, und das vom Winde sanft bewegte Wasser des Heiligen Sees schlug leise klatschend gegen den Strand. Tschanden Sing und Man Sing, die beiden Hindus, die sich aller ihrer Kleider bis auf das Hüfttuch entledigt hatten, kauerten nahe am Strande des Sees und ließen sich von Bijesing die Köpfe glatt rasieren. Ich muß gestehen, daß ich etwas ärgerlich war, als ich mein bestes Rasiermesser zu diesem Zwecke verwendet sah, aber ich unterdrückte meinen Ärger bei der Erinnerung daran, daß ihre Religion sie durch die bloße Tatsache ihres Aufenthaltes am Mansarowar von allen Sünden befreite. Meine beiden Diener, das Gesicht nach dem Berge Kelas gerichtet, schienen aufgeregt und beteten so inbrünstig, daß ich stillstand, um sie zu beobachten. Sie wuschen sich wiederholt in dem Wasser des Sees und tauchten zuletzt mehrere Male darin unter. Als sie vor Kälte zitternd herauskamen, nahm jeder eine Silberrupie aus den Kleidern und schleuderte sie als Opfer für den Gott Mahadewa in den See. Dann zogen sie sich an und kamen, mir ihre Salaams darzubringen, wobei sie behaupteten, jetzt glücklich und rein zu sein.

»Siwa, der größte aller Götter, lebt in den Gewässern des Mansarowar«, rief mein Träger in poetischer Stimmung aus. »Ich habe in seinen Wässern gebadet, und von seinen Wässern trank ich. Ich habe den großen Kelas begrüßt, dessen Anblick allein alle Sünden der Menschheit löst, nun werde ich in den Himmel kommen!«

»Ich werde zufrieden sein, wenn wir bis Lhasa kommen«, brummte der skeptische Man Sing, außer Hörweite der Tibeter.

Tschanden Sing, der in religiösen Dingen wohlbewandert war, erklärte, daß nur Hindupilger, die beide Eltern verloren haben, sich bei dem Besuche des Mansarowar als Opfer für Siwa die Köpfe scheren lassen, und daß es, wenn sie einer hohen Kaste angehören, gebräuchlich ist, bei ihrer Rückkehr von der Pilgerfahrt alle Brahminen der Stadt mit einem Bankett zu bewirten. Ein Mann, der im Mansarowar gebadet habe, werde von jedermann in großen Ehren gehalten und genieße die Bewunderung und den Neid der ganzen Welt.

Der Mansarowarsee hat ungefähr 80 Kilometer im Umkreis, und diejenigen Pilger, die einen höhern Zustand der Heiligung erlangen wollen, machen eine Kora oder einen Umgang zu Fuß längs des Wasserrandes. Die Wanderung nimmt je nach den Umständen vier bis sieben Tage in Anspruch; ein Umgang befreit die Pilger von gewöhnlichen Sünden; der zweimalige Umgang reinigt das Gewissen von jedem Morde, während die dreimalige Umwanderung denjenigen ehrlich und gut macht, der Vater, Mutter, Bruder oder Schwester getötet hat. Es gibt Fanatiker, die den Umgang auf den Knien ausführen, andere machen den Weg, ähnlich wie die Pilger zum Kelas, indem sie sich bei jedem Schritt platt auf das Gesicht legen.

Der Sage nach ist der Mansarowar von Brahma geschaffen worden, und jeder, der in seinen Wässern badet, wird das Paradies Mahadewas teilen. Gleichviel welche Verbrechen er vorher begangen haben mag, ein Eintauchen in den Heiligen See genügt, Seele und Körper zu reinigen.

Um meine Leute zu erfreuen und mir selbst vielleicht etwas Glück zu bringen, schleuderte auch ich ein paar Geldstücke ins Wasser.

Nachdem die reinigenden Waschungen vorüber waren, befahl ich Tschanden Sing, seine Büchse zu nehmen und mir in die Gomba zu folgen; denn die Lamas waren so höflich, daß ich Verrat von ihrer Seite fürchtete.

Das große quadratische Gebäude mit den rot angestrichenen Mauern und der etwas abgeplatteten Kuppel von vergoldetem Kupfer erhob sich dicht am Ufer und war in seiner strengen Einfachheit ebenso malerisch als hübsch.