Die größern Lamasereien erhalten von der Regierung einen jährlichen Zuschuß, und durch die Opfergaben der Gläubigen werden beträchtliche Summen angesammelt, während andere Gelder durch Mittel und Wege erlangt werden, die in jedem andern Lande als Tibet kaum als ehrenhaft und oft sogar als verbrecherisch betrachtet werden würden.
Von den größern Städten abgesehen, lebt fast das ganze tibetische Volk mit Ausnahme der Briganten und der Lamas in großer Armut, während die Mönche selbst und ihre Agenten von dem Fette des Landes leben und gedeihen. Das Volk wird in vollkommener Unwissenheit erhalten, und selten findet man einen Laien, der schreiben oder wenigstens lesen kann. So muß alles durch die Hände der Lamas gehen.
Die Lamasereien und die Lamas, sowie das Land und Eigentum, das ihnen gehört, sind von allen Steuern und Abgaben frei, und jeder Mönch wird durch eine bestimmte Lieferung von Tsamba, Ziegeltee und Salz unterhalten. Sie rekrutieren sich aus allen Klassen, und gleichviel, ob sie ehrliche Leute oder Diebe und Schwindler sind, werden sie alle bereitwilligst angenommen, um in die Bruderschaft einzutreten. Ein oder zwei männliche Mitglieder jeder tibetischen Familie treten in die Mönchsorden ein. Auf diese Weise erlangen die Mönche eine große Macht über jedes Haus und Zeltlager. Es ist kaum eine Übertreibung, wenn man sagt, die Hälfte der männlichen Bevölkerung in Tibet besteht aus Lamas.
In jedem Kloster findet man neben den Lamas, d. h. den eigentlichen, fertigen Mönchen, die alle Weihen empfangen haben, noch zwei Klassen von Mönchen, die zwar auch glattrasierte Köpfe und zum Teil dieselbe Tracht wie ihre Obern haben, aber niedern Grades sind und natürlich auch keinen tätigen Anteil an der Politik der Lamaregierung nehmen: die Schabi und die Getsul. Die Schabi sind die Novizen. Sie treten sehr jung – im 7. oder 9. Lebensjahr – in die Lamaserei ein und bleiben mehrere Jahre hindurch Schüler. In dieser Zeit, während der sie auch die harte Arbeit des Klosters verrichten müssen, sind sie beständig in der Lehre und unter der Aufsicht des Lamas, dem sie zur Erziehung übergeben worden sind. Nach vollendetem 15. Lebensjahre erhalten sie die zweite Weihe und treten damit in die Klasse der Getsul über, eine Art Unterpriester, die noch nicht alle Rechte, dafür aber auch nicht alle Pflichten der eigentlichen Mönche haben. Nach fünf weitern Jahren und nach Empfang der dritten Weihe werden sie endlich wirkliche Lamas, welches Wort »Oberer« bedeutet.
Die Schabi und Getsul übernehmen untergeordnete Rollen in den seltsamen religiösen Zeremonien, bei denen die Lamas, in Felle und gräßliche Masken verkleidet, singen und mit außerordentlichen Verrenkungen tanzen, begleitet von einer unheimlichen Musik von Glocken, Hörnern, Flöten, Zimbeln und Trommeln.
Jedes große Kloster hat an seiner Spitze einen »Groß-Lama«. Dieser gehört zwar zur höhern Geistlichkeit, aber nicht immer zu deren höchster Stufe, den »wiedergeborenen Heiligen«. Während jene sozusagen den Verdienstadel des hierarchischen Systems darstellt, bilden diese, die Wiedergeborenen, seinen Geburtsadel; denn nach dem lamaistischen Dogma leben in ihnen die Seelen der alten Heiligen, die sich ihren Leib noch im Mutterleibe zum Wohnsitz auserwählt haben; sie sind also inkarnierte Götter. Durch eine solche ununterbrochene Inkarnation pflanzt sich namentlich der Papst von Tibet, der Dalai-Lama zu Lhasa, fort.
Mit Ausnahme des Großlamas, der ein Zimmer für sich allein hat, essen, trinken und schlafen die Lamas in dem Kloster zusammen. Immer zwei Monate des Jahres, 15 Tage in jedem Vierteljahr, halten sie sich in strenger Abgeschlossenheit, die sie dem Gebete widmen und während welcher Zeit sie nicht sprechen dürfen. Sie fasten vierundzwanzig Stunden hintereinander bei Wasser und Buttertee; sie essen an jedem Fasttag nur so viel als gerade nötig ist, um am Leben zu bleiben, und entsagen allem andern, sogar dem Schnupftabak und dem Ausspucken, den beiden am meisten verbreiteten Gewohnheiten der tibetischen Männer.
Die Lamas machen große Ansprüche auf Unfehlbarkeit, und auf Grund dieser erlangen sie die Verehrung des Volkes, von dem sie erhalten, genährt und gekleidet werden. Ich fand sie in der Regel sehr intelligent, aber unmenschlich, grausam und ehrlos. Ich sage dies nicht allein aus eigener Erfahrung, ich hörte dasselbe auch von den unterdrückten Eingeborenen, die sich nichts Besseres wünschen als eine Möglichkeit, ihr Joch abzuschütteln.
Die gänzliche Unwissenheit benutzend, in der sie das Volk mit Erfolg erhalten, üben die Lamas in großem Umfange geheime Künste aus, durch welche sie vorgeben, Krankheiten zu heilen, Morde und Diebstähle zu entdecken, Ströme am Fließen zu verhindern und in einem Augenblick Stürme zu erregen. Gewisse Beschwörungen vertreiben, wie sie sagen, die bösen Geister, welche Krankheit verursachen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Lamas in hypnotischen Experimenten bewandert sind, vermittelst deren sie es fertigbringen, die unter ihrem Einflusse stehenden Individuen Dinge sehen zu lassen, die in Wirklichkeit nicht vorhanden sind. Dieser Macht sind die häufigen Berichte über Erscheinungen Buddhas zuzuschreiben, die gewöhnlich von einzelnen Individuen gesehen werden, und auch die Visionen von Dämonen, deren Schilderungen allein schon die einfältigen Leute erschrecken und sie veranlassen, alle ihre Sparpfennige als Opfergaben für das Kloster herzugeben.