Als ich herumspazierte, erschienen ungefähr fünfzig oder sechzig mit Luntenflinten und Schwertern bewaffnete Männer auf der Bildfläche. Ich sah sie mit Mißtrauen an; Katschi aber beruhigte mich und sagte, sie wären keine Soldaten, sondern eine mächtige Räuberbande, die ungefähr ein Kilometer von hier lagere und zu den Lamas in sehr freundschaftlicher Beziehung stehe. Zur Vorsicht lud ich meine Büchse, was vollständig genügte, eine allgemeine Flucht des bewaffneten Haufens zu veranlassen, dem in panischem Schrecken alle Dorfbewohner folgten, die sich um uns versammelt hatten. Wie alle Tibeter waren sie, wenn auch kräftig gebaut, ein elendes Pack und mit einer guten Portion Prahlerei ausgestattet.
Früh am Morgen hatte ich mich wegen Proviants erkundigt und über den Ankauf von zwei fetten Schafen und von ungefähr 200 Kilogramm Lebensmitteln (Mehl, Reis, Zucker, Salz und Butter) unterhandelt; mehrere Tibeter sagten, sie könnten mich mit jeder beliebigen Quantität, die ich brauchte, versorgen. Unter anderm war ein Händler aus Buddhi da, der versprach, mir innerhalb einer Stunde Nahrungsmittel zu bringen, die für uns zehn Mann 25 Tage lang reichen würden. Als die Leute fortgingen, bemerkte ich, daß zwei meiner Schokas ihnen nachliefen und eine aufgeregte Besprechung mit ihnen abhielten. In der Tat kamen nach ungefähr drei Stunden die Händler zurück und schwuren, daß in dem Orte absolut keine Lebensmittel zu bekommen seien. Es war wirklich wunderbar zu beobachten, wie diese Leute lügen konnten. Ich schöpfte Verdacht und schalt meine Schokas aus, indem ich ihnen eine ernste Züchtigung androhte, falls sich mein Argwohn als berechtigt herausstellen sollte.
Teils weil sie sich entdeckt sahen, teils aus Furcht vor den Tibetern waren die Schokas jetzt wieder ganz unvernünftig und demoralisiert, so daß ich beschloß, sie zu entlassen. Es hatte keinen Zweck, sie mit Gewalt zu halten. Von dem Augenblick an, als ich das verbotene Land betreten, hatte ich mich gezwungen gesehen, mich vor ihnen ebensosehr wie vor den Tibetern in acht zu nehmen. Als ich mich entschloß, sie fortgehen zu lassen, dachte ich jedoch nichtsdestoweniger daran, daß diese Burschen, so feig sie auch waren, schließlich doch um meinetwillen Ungemach und Entbehrungen ausgestanden hatten, die nur wenige Menschen ertragen können, und ich zahlte sie daher nicht nur aus, sondern gab ihnen noch eine gute Belohnung unter der Bedingung, daß sie es übernähmen, einen Teil meines Gepäcks, der Photographien, ethnologische Sammlungen usw. enthielt, sicher über die Grenze zurückzubringen. Mit unendlicher Mühe brachte ich es dahin, Vorräte anzukaufen, die für vier Mann auf zehn Tage genügen würden.
Die ganze Gesellschaft begleitete mich noch sechs Kilometer weit, wo wir angesichts der baufälligen Gomba von Pangbu, die zwei Kilometer westlich von uns lag, haltmachten, um, von den Tibetern ungesehen, die nötigen Vorbereitungen für unsere Trennung zu treffen.
Als alles fertig war, verließen mich die fünf Schokas, unter ihnen Katschi und Dola; sie schwuren mir bei der Sonne und allem, was ihnen am heiligsten war, daß sie mich in keiner Weise den Tibetern verraten würden, die bis jetzt noch keinen Verdacht hatten, wer ich war.
Bijesing und Nattu willigten ein, mich bis zu dem Maiumpasse zu begleiten, so daß meine Expedition, mich eingeschlossen, auf nur fünf Mann reduziert war.
Alles schien zu guten Hoffnungen zu berechtigen, als ich mit meiner verkleinerten Gesellschaft den Weg nach Nordosten antrat und zuerst 6 Kilometer in nordöstlicher Richtung am See entlang ging, dann 22 Kilometer über die kahlen Hügelketten in östlicher Richtung anstieg. Der Marsch war ereignislos, und meine vier Leute schienen in der besten Laune zu sein. Wir stiegen zu einer Ebene hinab, wo Gras und Wasser zu finden war, und als wir einen Lagerplatz mit einer Schutzmauer gefunden hatten, wie sie die Tibeter gewöhnlich an ihren Rastplätzen aufführen, machten wir es uns für die Nacht bequem, trotz des starken Windes und eines vorübergehenden Hagel- und Regenwetters, das uns bis auf die Haut durchnäßte. Das Thermometer fiel während der Nacht auf ein Grad über Null.
Der Gunkyosee.
Bei Sonnenaufgang war ich auf den Beinen, um womöglich von dem Gipfel eines hohen Hügels, von dem ich einen großen Teil des umgebenden Landes überschauen konnte, eine Rekognoszierung vorzunehmen. Es war für mich von größter Wichtigkeit, zu sehen, welches der bequemste Weg sein würde, über die verwickelten Hügel- und Bergketten vorzudringen und zugleich die genaue Richtung eines großen Flusses nördlich von uns festzustellen, der sich in den Mansarowar ergießt, dessen Name mir aber niemand sagen konnte. Ich ging allein in nordnordwestlicher Richtung vorwärts und kam auf den Gipfel eines Berges von 4900 Meter Höhe, wo ich imstande war, alles, was ich zu wissen wünschte, festzustellen und zu notieren. Als ich nach dem Lager zurückgekehrt war, gingen wir nach Ostnordost weiter, einen Paß von 5000 Meter Höhe überschreitend. Vor uns stand ein hoher Hügel, dessen Spitze einer Festung glich; über ihm flatterten fliegende Gebete im Winde hin und her. Am Fuße des Hügels weideten einige zwanzig Pferde.