Im Innern eines tibetischen Zeltes.
Mit Hilfe meines Fernglases konnte ich mich vergewissern, daß das, was mir zuerst wie ein Schloß erschienen, nichts als ein Werk der Natur war und daß dem Anschein nach sich niemand dort verborgen hielt. Indessen zeigten die Pferde die Nähe von Menschen an, und wir mußten uns vorsichtig bewegen. In der Tat entdeckten wir, als wir um den nächsten Hügel bogen, unten in dem grasigen Tale eine Anzahl von schwarzen Zelten, 200 Jake und etwa 1000 Schafe. Wir hielten uns hinter dem Hügel gut außer Sicht und stiegen, einen weiten Umweg machend, endlich in ein ausgedehntes Tal hinab, in welchem der Fluß einen Halbkreis beschrieb und die südlichen Hügelzüge bespülte, wo sich ein von Südosten kommender Nebenfluß mit ihm vereinigte. Dieser Nebenfluß erschien mir zuerst größer als der, den ich nachher für den Hauptstrom erkannte, und so folgte ich seinem östlichen Laufe auf einer Strecke von 7 Kilometer, bis ich sah, daß er mich in eine südlichere Richtung führte, als ich gehen wollte; ich kehrte deshalb an einem ziemlich flachen Plateau entlang wieder zurück.
Wir begegneten zwei tibetischen Frauen, von denen ich nach endlosen Unterhandlungen ein fettes Schaf aus einer Herde kaufte, die sie vor sich her trieben. Diese beiden Weiber trugen Schleudern aus Stricken in den Händen. Für einige Annas gaben sie ihre Geschicklichkeit zum besten, und es war wirklich erstaunlich, wie sie sogar auf eine Entfernung von 30 und 40 Meter in ihrer Herde jedes Schaf, das man ihnen bezeichnete, trafen. Ich versuchte von diesen gefährlichen Weibern über das Land einige Auskunft zu erhalten, aber sie gaben vor, darüber gar nichts zu wissen.
»Wir sind nur Mägde,« sagten sie, »und wir wissen nichts. Wir kennen jedes Schaf in unserer Herde, das ist alles; aber unser Herr, dessen Sklaven wir sind, weiß alles. Er weiß, von wo die Flüsse kommen, und kennt die Wege nach allen Gombas. Er ist ein großer König.«
»Und wo wohnt er?« fragte ich.
»Dort, zwei Meilen von hier, wo jener Rauch zum Himmel steigt.«
Es war eine große Versuchung für mich, diesen »großen König« zu besuchen, der so viele Dinge wußte, um so mehr, als wir ihn vielleicht überreden konnten, uns etwas Proviant zu verkaufen, was eine große Hilfe für uns gewesen wäre, da wir keineswegs zu viel davon hatten. Wie dem auch sein mochte, würde der Besuch, wenn auch von der Vorsicht nicht geraten, jedenfalls interessant sein.
Wir steuerten auf die verschiedenen Rauchsäulen zu, die in weiter Entfernung vor uns emporstiegen, und näherten uns endlich einem ausgedehnten Lager von schwarzen Zelten. Unser Erscheinen verursachte große Bewegung, und Männer und Frauen stürzten in Aufregung in ihre Zelte hinein und wieder heraus.
»Jogpas, jogpas! Räuber, Räuber!« schrie jemand im Lager, und in einem Augenblick waren ihre Luntenflinten in Bereitschaft gesetzt und die wenigen Männer, die außerhalb der Zelte geblieben waren, hatten ihre Schwerter gezogen, die sie unbeholfen in den Händen hielten.