»Pila tedan tedang! Aufgepaßt, aufgepaßt!«, was unter unsern geisterhaften Besuchern eine eilige Flucht verursachte. Es war augenscheinlich eine große Zahl von ihnen hinter Felsen verborgen, denn als der panische Schrecken sie ergriff, war die Menge der Fliehenden doppelt oder sogar dreimal so groß als die der Gespenster, die ich zuerst herannahen gesehen hatte. Einen Augenblick schien es, als ob überall schwarze Geister hervorsprängen, aber da sie derber als Geister waren, machten sie mit ihren schweren Stiefeln einen fürchterlichen Lärm, als sie alle durcheinander den steilen Abhang hinab und durch die Schlucht liefen. Unten angelangt, bogen sie um den Hügel herum und verschwanden.
Als ich wieder in das Zelt hineinkroch, lagen Tschanden Sing und Man Sing bis über den Kopf in ihre Decken eingehüllt und schnarchten noch immer.
Natürlich verbrachte ich eine schlaflose Nacht, da ich fürchtete, die unwillkommenen Gäste könnten zurückkommen. Bei Sonnenaufgang störte ich meine beiden Genossen aus ihrem Schlummer auf und teilte ihnen die Ereignisse der vergangenen Nacht mit. Wir stellten viele Vermutungen darüber an, wie die Tibeter uns aufgefunden hätten, und konnten nicht umhin, anzunehmen, daß unsere Freunde vom vorigen Nachmittag etwas mit der Sache zu tun haben müßten. Ohne Zweifel waren sie jetzt unter der Gesellschaft, die ich in die Flucht geschlagen hatte. Die unbegreifliche Feigheit, die die Tibeter bei jeder Gelegenheit zeigten, war jedoch so groß, daß wir dahin kamen, diesen Ereignissen keine Wichtigkeit beizumessen. Sie flößten uns nicht nur keine Furcht ein, sondern hörten sogar auf, uns zu erregen oder zu ergötzen.
Wie gewöhnlich gingen wir weiter und stiegen zu der Ebene hinab, und als wir dieselbe halb überschritten hatten, durchsuchte ich die Hügel ringsumher mit dem Fernglas, um zu sehen, ob ich Spuren von unsern feigen Feinden entdecken könnte.
»Dort sind sie!« rief Tschanden Sing, der die schärfsten Augen hatte, die ich je an einem Menschen beobachtet habe, indem er nach dem Gipfel eines Hügels wies, wo mehrere zwischen den Felsen vorguckende Köpfe sichtbar waren. Ohne von ihnen weiter Notiz zu nehmen, gingen wir vorwärts. Jetzt kamen sie aus ihrem Versteck hervor, und wir sahen, wie sie in einer langen Reihe, ihre Pferde führend, den Hügel hinabgingen. Auf der Ebene angelangt, bestiegen sie ihre Rosse und kamen in vollem Galopp auf uns zu. Mit ihren dunkelroten Röcken, den braunen und gelben Fellkleidern und den verschiedenfarbigen Mützen boten sie einen malerischen Anblick. Einige trugen hellrote Röcke mit goldener Verschnürung und chinesische Mützen. Dies waren Offiziere. Ihre Luntenflinten, an deren Gabeln rote und weiße Fahnen befestigt waren, gaben der sonst öden Szenerie von kahlen Hügeln und Schnee einen Anflug von Farbe, und das Geklingel der Pferdeglocken belebte die Totenstille dieser unwirtlichen Regionen.
Etwa dreihundert Meter von uns entfernt stiegen sie von den Pferden, und ein alter Mann kam, nachdem er seine Luntenflinte und das Schwert in theatralischer Weise beiseite geworfen hatte, mit unsicheren Schritten auf uns zu. Wir empfingen ihn freundlich.
Er bereitete uns großen Spaß, da er in seiner Art ein seltsamer Charakter war.
»Ich bin nur ein Abgesandter«, beeilte er sich zu melden, »und deshalb gieße deinen Zorn nicht über mich aus, wenn ich zu dir spreche. Ich überbringe nur die Worte meiner Offiziere, die aus Furcht, gekränkt zu werden, nicht zu kommen wagen. In Lhasa, von wo wir kommen, hat man die Nachricht erhalten, daß ein Plenki, ein Engländer, mit vielen Leuten in Tibet ist und nirgends aufgefunden werden kann. Wir sind abgeschickt worden, ihn zu fangen. Bist du einer von seiner Vorhut?«
Tibetische Flinte mit Gabelstütze.