Der Brahmaputra nahm drei kleine schneegespeiste Nebenflüsse auf, die reißend schnell von den steilen Bergen zu unsern beiden Seiten herabkamen. Wo der Hauptstrom sich scharf nach Südsüdost wandte, kam noch ein vierter bedeutender Nebenfluß, der sehr große Wassermassen führte, aus nordnordöstlicher Richtung durch eine Schlucht zu ihm herab.

Nahe dem Vereinigungspunkte dieser Flüsse schlugen wir auf dem rechten Ufer des Hauptstromes in einer Höhe von 5070 Meter das Lager auf. Von dem Maiumpasse aus läuft eine Fortsetzung des Gangrigebirges zuerst in südöstlicher, dann in genau östlicher Richtung fast parallel mit der höhern südlichen Kette des Himalaja und bildet eine weite, vom Brahmaputra durchschnittene Ebene. Auf der südlichen Seite des Flusses sieht man kleinere Hügelzüge zwischen dem Flußlaufe und dem großen Gebirgszuge mit seinen majestätischen, schneebedeckten Gipfeln und den prächtigen Gletschern. Die nördliche Kette läuft in einer fast parallelen Linie mit der größern südlichen Kette, und wenn auf ihr auch keine Berge von sehr beträchtlicher Höhe zu finden sind, so ist sie dennoch von geographischer Bedeutung, da ihr Kamm bis nach Lhasa hin die Wasserscheide des heiligen Brahmaputra bildet.

Das zwischen den beiden parallelen Ketten eingeschlossene Tal ist das am dichtesten bevölkerte Tal in Tibet. Gras und Brennholz sind im Überfluß vorhanden; deshalb sieht man auch in der Nähe der vielen tibetischen Lager längs des Brahmaputra und seiner hauptsächlichen Nebenflüsse Tausende von Schafen und Ziegen weiden.

Die Handelsstraße, auf der die Karawanen von Ladak nach Lhasa ziehen, läuft in diesem Tal entlang, und da ich nach Tibet gekommen war, um die Tibeter zu studieren, schlug auch ich diese Straße ein, die noch nie von einem Europäer betreten worden war. Meine Leute und ich waren uns der Gefahr, die wir liefen, wohl bewußt, aber dies machte uns die Reise nur um so interessanter.

Dreißigstes Kapitel.
Ein gefährlicher Flußübergang.

Wir schliefen sehr wenig, da wir erwarteten, daß die Soldaten uns während der Nacht angreifen und versuchen würden, unsern Weitermarsch zu hindern; aber alles blieb ruhig und nichts geschah. Unsere Jake jedoch brachten es fertig, sich loszumachen, und wir hatten morgens einige Mühe sie wiederzubekommen, denn sie waren über den Strom geschwommen und auf der andern Seite etwa zwei Kilometer weit gelaufen.

Die Nacht war sehr kalt gewesen, da das Thermometer bis auf Null heruntergegangen war. Wir hatten unser kleines Zelt nicht aufgeschlagen und waren nach dem langen Marsch des vorhergehenden Tages müde und durchfroren. Der Wind wehte aus Südwesten, und ich fand es sehr hart, über den Fluß hinüber zu müssen, den Jaken nachzueilen und sie nach dem Lager zurückzubringen; dazu mußten wir, so erschöpft wir auch sein mochten, uns der täglichen Mühe unterziehen, sie zu beladen. Wir marschierten an dem rechten Ufer in nahezu südlicher Richtung entlang, hielten uns dann südöstlich, wo sich der Fluß zwischen kahlen Hügeln hindurchwand, um danach durch ein grasiges Tal von ein Kilometer Breite und zwei Kilometer Länge zu fließen. Dann ging es durch einen schmalen Engpaß, worauf wir durch ein wellenförmiges, grasiges Tal von 3½ Kilometer Breite kamen, bei dessen Durchschreiten wir von einem furchtbaren Gewitter mit Hagel und Regen überrascht wurden. Dies war recht ärgerlich, denn wir befanden uns jetzt vor einem sehr großen Nebenflusse des Brahmaputra, und das Wasser war so angeschwollen, reißend und tief, daß ich nicht wußte, wie ich meine Leute hinüberbringen sollte, da sie nicht schwimmen konnten und das Wasser so kalt war, daß ein Bad wohl jeden recht mitnehmen konnte.

»Ich gebe dir dies, damit du zurückgehst.«

Es war jedoch keine Zeit zu verlieren, denn der Strom stieg sichtlich, und da das Gewitter schlimmer wurde, mußten die Schwierigkeiten mit jedem Augenblick wachsen. Wir zogen unsere Kleider bis auf den letzten Faden aus und banden sie mit unsern Büchsen usw. an den Packsätteln der Jake fest, die wir in das Wasser trieben. Sie sind gute Schwimmer, und wenn die Strömung sie auch über 100 Meter stromabwärts trieb, sahen wir sie doch mit Befriedigung sich aus dem Wasser auf das gegenüberliegende Ufer emporarbeiten.