Tibetisches Wachthaus.

Trotz des Vertrauens, das Tschanden Sing und Man Sing zu meiner Schwimmkunst hatten, glaubten sie wirklich, daß ihre letzte Stunde gekommen sei, als ich sie bei der Hand nahm und aufforderte, mir in den Strom zu folgen. Bei dem prasselnden Regen und Hagel von oben, der mit furchtbarer Kraft auf unsere Köpfe und Rücken schlug, und in dem schneidend kalten Wasser, in das wir allmählich bis zum Halse einsanken, fühlten wir uns alles andere als behaglich, um so mehr, als auch die Strömung so heftig war, daß wir glaubten, wir würden im nächsten Moment unsern Halt verlieren.

Der verhängnisvolle Pferdekauf.

Kaum waren wir 12 Meter weit gekommen, als das Unvermeidliche eintrat. Wir wurden alle drei fortgerissen, und nun klammerten Tschanden Sing und Man Sing sich fest an meine Arme und zogen mich unter Wasser. Ihre Hände schienen sich plötzlich in eiserne Krallen verwandelt zu haben, und ich konnte sie nicht dazu bringen, ihren Griff zu lockern. Obgleich ich mit den Beinen so kräftig ruderte, als ich konnte, kamen wir doch beständig von der Oberfläche wieder auf den Grund infolge der schweren Last meiner hilflosen Genossen. Endlich, nach einem verzweifelten Kampfe von mehreren Minuten, spülte uns die Strömung gegen das jenseitige Ufer, wo wir auf die Füße kamen und bald fähig waren, uns aus dem heimtückischen Flusse herauszuarbeiten. Wir befanden uns etwa 200 Meter stromabwärts von der Stelle, wo wir in den Fluß hineingegangen waren, und die Masse schlammigen Wassers, die wir geschluckt hatten, war so groß, daß uns allen dreien sehr übel wurde. Wir waren sehr erschöpft, und da das Unwetter noch nicht nachlassen zu wollen schien, schlugen wir das Lager (4975 Meter) auf dem linken Ufer des Stromes auf. Obgleich wir warme Speise dringend nötig hatten, war natürlich keine Möglichkeit vorhanden, Feuer anzumachen. Ein Stück Schokolade war alles, was ich an diesem Abend hatte, und meine Leute zogen es vor, gar nichts zu essen, anstatt das Gesetz ihrer Kaste zu übertreten.

Tibetischer Hund.

Wir schliefen unter unserm kleinen Zelt. Es mochte gegen 11 Uhr sein, als draußen ein Geräusch wie von Stimmen und über Steine stolpernden Menschen hörbar wurde. Im Augenblick war ich mit meiner Büchse draußen und schrie das gewöhnliche »Palado! Schert euch fort!«, worauf ich als Antwort mehrere mit Schleudern geworfene Steine an mir vorbeisausen hörte, in der Dunkelheit aber nichts sehen konnte. Einer der Steine traf das Zelt, und ein Hund bellte wütend. Ich feuerte einen Schuß in die Luft ab, der die gute Wirkung hatte, einen hastigen Rückzug unserer Feinde, wer sie auch sein mochten, hervorzubringen. Der Hund jedoch wollte nicht gehen. Er blieb draußen und bellte die ganze Nacht, und erst am Morgen, als ich ihm etwas zu fressen gab und ihn nach tibetischer Art mit dem gebräuchlichen Schmeichelworte »Tschotschu, tschotschu« streichelte, wurde unser vierfüßiger Feind freundlich, rieb sich an meinen Beinen, als ob er mich sein Leben lang gekannt hätte, und faßte eine besondere Zuneigung für Man Sing, neben dem er sich niederlegte. Von diesem Tage an verließ er unser Lager nicht mehr und folgte uns überall hin, bis schlimmere Zeiten über uns kamen.

Der Fluß wandte sich zu weit nach Süden; ich beschloß daher, ihn zu verlassen und quer durch das Land zu gehen, besonders auch, weil schwache Spuren eines Pfades zu sehen waren, der in ostsüdöstlicher Richtung über einen Paß führte. Ich folgte diesem Pfad und konnte auf ihm Spuren von Hunderten von Pferdehufen sehen, die jetzt fast gänzlich verwaschen waren. Augenscheinlich war dies der Weg, den die Soldaten eingeschlagen hatten, denen wir auf der andern Seite des Maiumpasses begegnet waren.