Als wir über den Paß (5410 Meter) gestiegen waren, sahen wir ein ausgedehntes Tal mit darüber verstreuten kahlen Hügeln vor uns. Gegen Süden bemerkten wir eine 17 Kilometer breite große Ebene, an deren entgegengesetzter Seite sich schneebedeckte Berge erhoben. Vorn ragte in die Ebene ein Hügel hinein, auf dem eine Manimauer stand. Diese Entdeckung machte mich ganz sicher, daß ich auf der Hauptstraße nach Lhasa war. Ungefähr 5 Kilometer entfernt in Nordnordwest waren hohe schneebedeckte Berge, und als wir weitergingen, fanden wir, 16 Kilometer dahinter, einen stattlichen Gebirgszug mit höheren Bergen.
Wir waren zur Hälfte über die wasserlose Ebene gewandert, als wir eine Anzahl Soldaten mit ihren Luntenflinten entdeckten, die hinter einem entfernten Hügel Verstecken spielten. Sie kamen in einem großen Trupp hervor, um unsere Bewegungen zu beobachten, und zogen sich dann wieder hinter den Hügel zurück. Wir gingen vorwärts; aber als wir noch ein Kilometer von ihnen entfernt waren, verließen sie ihr Versteck und galoppierten fort, Wolken von Staub aufwirbelnd.
Von einem 4940 Meter hohen Hügel, über den der Pfad ging, erblickten wir in 16 Kilometer Entfernung eine Gruppe von sehr hohen schneebedeckten Bergen. Zwischen ihnen und uns stand eine Kette von hohen Hügeln, die von einem Tale durchschnitten wurde, in welchem ein Fluß strömte, der eine große Masse Wassers führte. Wir folgten ihm und überschritten ihn, als wir eine passende Furt gefunden hatten, an einer Stelle, wo der Strom 25 Meter breit war und das Wasser uns bis an die Hüften reichte. Hier fanden wir wieder eine Manimauer mit großen Inschriften auf Steinen. Da der Wind sehr stark und schneidend war, gedachten wir, sie als Schutz zu benutzen.
In dem Winkel zwischen Westsüdwest und Ostsüdost konnten wir in der Ferne einen sehr hohen schneebedeckten Gebirgszug, die große Himalajakette, und niedrigere Hügelzüge in nur 5 Kilometer Entfernung von unserm Lager sehen. Der Fluß, den wir soeben überschritten hatten. mündete in den Brahmaputra. Eine große Anzahl schwarzer Zelte stand in Ostsüdost vor uns; unserer Schätzung nach waren sie 3 Kilometer entfernt. Als die Sonne unterging, sahen wir sie sehr deutlich und zählten ungefähr sechzig. In ihrer Nähe konnte man Hunderte von schwarzen Jaken bemerken.
Zu unserm Erstaunen waren sie am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang alle verschwunden, und wir konnten auch, als wir in der Richtung marschierten, wo wir sie am Abend vorher gesehen hatten, keine Spuren von ihnen finden. Ich glaube, daß wir es mit einer Luftspiegelung zu tun gehabt hatten.
Als wir ungefähr 25 Kilometer weiter über eine grasbedeckte Ebene gegangen waren, die im Nordosten durch den von Nordwesten nach Südosten streichenden Gebirgszug begrenzt war und in Ostnordost, ungefähr 8 Kilometer von uns, hochragende schneebedeckte Gipfel hatte, kamen wir schließlich an einen sehr großen tibetischen Lagerplatz von über achtzig Zelten, in einer Höhe von 4770 Meter. Sie waren an dem Ufer eines Nebenflusses des Brahmaputra aufgeschlagen, der westlich an dem Lager vorbeifließt, nachdem er in der Ebene einen großen Bogen beschrieben hat. Acht Kilometer davon, in dem von Nordwesten nach Ostnordosten beschriebenen Bogen, erhob sich die Bergkette, die ich schon immer bemerkt hatte. Hier wurden aber die Gipfelhöhen allmählich immer geringer, so daß die Bezeichnung »Hügelzug« besser für sie passen würde als der Name »Bergkette«. Hinter ihr jedoch ragten viel höhere schneebedeckte Gipfel empor.
Einunddreißigstes Kapitel.
Im Zeltlager.
Wir steuerten kühn auf das Lager los. Zuerst verursachte unser Näherkommen eine große Bewegung; hastig wurden Jake und Schafe vor uns hinweggetrieben, während Männer und Frauen in scheinbar großer Aufregung in die Zelte hinein- und wieder herausstürzten. Acht oder zehn Männer kamen zögernd vorwärts und baten uns, in das Innere eines großen Zeltes einzutreten. Sie wünschten, wie sie sagten, mit uns zu sprechen, und wollten uns gern Tee anbieten. Da ich Verrat argwöhnte, nahm ich ihre Einladung nicht an, sondern ging quer durch das Lager und machte erst ungefähr 300 Meter jenseits desselben halt. Nachher begaben Tschanden Sing und ich uns auf eine Runde durch alle Zelte, bemüht, Nahrungsmittel einzukaufen, aber auch um zu zeigen, daß, wenn wir uns vorher geweigert hatten, in ein Zelt einzutreten, dies keineswegs aus Furcht geschehen sei, sondern nur, weil wir uns nicht gern in einer Falle fangen lassen wollten.
Unsere Besuche in den verschiedenen Golingtschas oder Gurr waren interessant genug.
Die Zelte waren sehr geschickt konstruiert und den Verhältnissen des Landes, in dem sie zur Anwendung kamen, ausgezeichnet angepaßt. Auch die verschiedenen Einrichtungsgegenstände im Innern zogen meine Aufmerksamkeit auf sich. Von schwarzer Farbe, waren die Zelte aus Jakhaaren gewebt, deren natürliche Fettigkeit sie vollständig wasserdicht machte. Sie bestanden aus zwei Stücken dieses dicken Stoffes, die an jedem Ende des obern Zeltteiles von zwei Pfählen getragen wurden; oben hatten sie eine längliche Öffnung, durch die der Rauch des in der Hütte brennenden Feuers entweichen konnte. Die Grundfläche der größeren Zelte ist ein Oval; das Dach befindet sich gewöhnlich ungefähr zwei Meter hoch über dem Boden und wird vermittelst langer Stricke, die über hohe Pfähle gehen und mit Pflöcken in der Erde befestigt sind, sehr straff gespannt gehalten. Man verwendet hierzu hölzerne und eiserne Pflöcke, von denen sehr viele nötig sind, um das Zelt ringsherum so fest und dicht am Boden zu halten, daß es seine Bewohner gegen die scharfen Winde der Hochebene schützt. Hohe Stangen, gewöhnlich vier, mit weißen fliegenden Gebeten sind vor jedem Zelte zu sehen, oder auch in jeder Himmelsgegend eine, wobei der Osten als Ausgangspunkt genommen wird.