Tibetisches Zelt.

Rings um das Innere der größeren Zelte wird eine zwei bis drei Fuß hohe Erdmauer aufgeführt, die den Zweck hat, noch mehr gegen Wind, Regen und Schnee zu schützen. Manchmal werden diese Mauern aus getrocknetem Dung hergestellt, der mit der Zeit als Brennmaterial verwendet wird. Zum Betreten des Zeltes sind zwei Öffnungen vorhanden, an jedem Ende eine; doch wird die gegen den Wind gerichtete immer vermittelst Ösen und hölzerner Riegel verschlossen gehalten.

Der Tibeter ist ein geborener Nomade und wechselt seinen Wohnsitz mit den Jahreszeiten oder je nachdem er Weideplätze für seine Jake und Schafe finden kann; aber wenn er auch keine feste Wohnung hat, versteht er doch, es sich behaglich zu machen, und führt alles mit sich, dessen er bedarf. So fängt er z.B. damit an, sich in der Mitte seines Zeltes einen Goling, einen Herd aus Erde und Steinen, zu bauen, der ein Meter hoch, anderthalb lang und ein halbes Meter breit ist und zwei, drei oder mehr Zuglöcher hat. Mit dieser sinnreichen Einrichtung bringt er es fertig, die Verbrennung des getrockneten Dungs zu beschleunigen, der das schwierigste Brennmaterial ist. Auf der obern Seite dieses Ofens wird ein passender Platz für die verschiedenen Raksang, die großen messingenen Töpfe und Schalen, gemacht, in denen der Ziegeltee, nachdem er in einem steinernen oder hölzernen Mörser regelrecht zerstampft worden ist, gekocht und mit einem langen Messinglöffel umgerührt wird. Ein tragbares eisernes Gestell, auf welches sie die heißen Gefäße, in denen der Tee gebraut worden ist, setzen, wenn sie dieselben vom Feuer nehmen, liegt gewöhnlich irgendwo im Zelte umher. Dicht daneben steht der Toxzum oder Tongbo, ein zylindrisches hölzernes Butterfaß mit einem Deckel, durch den ein Stempel geht. Man gebraucht es, um darin den Tee mit Butter und Salz in derselben Weise zu vermischen, die ich als bei den Schokas üblich schon weiter oben beschrieben habe.

Die hölzernen Becher oder Schalen, deren sich die Tibeter bedienen, werden Puku, Fruh oder Cariel genannt; aus ihnen wird auch Tsamba gegessen, nachdem man Tee darauf gegossen und das Gemisch mit mehr oder weniger schmutzigen Fingern zu einem Teig verarbeitet hat. Oft werden noch Extraklumpen Butter und sogar Stückchen Tschura (Käse) mit diesem Teig vermischt. Die reicheren Leute (Beamten) schwelgen in Mehl und Reis, die aus Indien eingeführt werden, und in Kassur, getrockneten Früchten (Datteln und Aprikosen), von geringer Qualität. Der Reis wird zu einer Art Suppe gekocht, die Tukpa genannt wird; es ist dies ein großer Luxus, den man sich nur bei sehr hervorragenden Gelegenheiten erlaubt, wobei auch andere, ebenso geschätzte Leckerbissen, wie Gimakara (Zucker) und Schelkara (weißer Lompenzucker) gegessen werden. Fleisch lieben sie sehr, wenn auch nur einige sich solchen Luxus gestatten können. Wildbret, Jak- und Schaffleisch gelten als ausgezeichnete Nahrung, und die in Stücke geschnittenen Fleischteile und Knochen werden mit einer reichlichen Menge von Salz und Pfeffer in einem Kessel gekocht. Die verschiedenen Insassen eines Zeltes tauchen die Hände in den Topf, und wenn sie ein passendes Stück herausgezogen haben, zerren sie mit den Zähnen und Fingern daran herum; selbst der Knochen wird zermalmt und ebenso wie das Fleisch gegessen. Auf meine Frage, warum sie dies täten, antworteten die Tibeter, daß Fleisch, ohne Knochen gegessen, schwer zu verdauen sei.

Gewöhnlich sind die tibetischen Zelte mit einigen Tildih, groben Matten, ausgestattet, die um den Herd liegen und den Leuten als Sitzplätze dienen; neben dem Zelteingang steht ein Dahlo oder Korb, in welchem der gesammelte Dung aufbewahrt wird. Paarweise gebraucht sind diese Dahlos sehr bequem an die Packsättel zu binden, zu welchem Zweck sie auch besonders gemacht werden. Ferner stehen nahe an den Wänden des Zeltes die Tsamgo oder Säcke mit Tsamba und die Dongmo oder Buttertöpfe. Zwischen Massen von Schaffellen und Decken sieht man auch die kleinen hölzernen Kästen, in denen der Vorrat an Butter unter Schloß und Riegel gehalten wird.

Das erste jedoch, was einem beim Betreten eines tibetischen Zeltes ins Auge fällt, ist das Tschoksah oder der Tisch, auf dem Lichter und Messingschalen mit den Opfergaben für den Tschogan stehen, den vergoldeten Gott, an den die Bewohner des Zeltes ihre Morgen- und Abendgebete richten. Gebeträder und Rosenkranzschnüre sind reichlich vorhanden, und die den Männern gehörenden langen Luntenflinten sieht man aufrecht an die Pfähle gebunden und mit ihren hohen Stützen aus der Öffnung in dem Zeltdache weit hervorragen. Die Speere werden auf dieselbe Art befestigt; die Schwerter und die kleineren Messer führt der Besitzer den ganzen Tag bei sich und legt sie nachts neben sich auf den Boden.

Die Eingeborenen waren sehr höflich und gesprächig. Trotzdem sie unter dem Vorwand, daß sie sogar für sich selbst nichts zu essen hätten, sich weigerten, uns Nahrungsmittel zu verkaufen, ging ihre Freundlichkeit doch so sehr über meine Erwartung, daß ich zuerst Verrat fürchtete. Aber Verrat oder nicht, hielt ich es doch für das beste, so viel zu sehen und zu hören, als ich konnte, solange ich dort war.

Männer und Weiber bildeten einen Kreis um uns, und bei der Beantwortung meiner Fragen schien das schöne Geschlecht weniger schüchtern als das starke. Nicht nur in diesem Lager, sondern auch in allen andern fiel mir besonders die geringe Zahl von Frauen auf, die man in Tibet sieht. Dies hat seinen Grund nicht etwa darin, daß sie in Abgeschlossenheit gehalten werden; denn die Damen des verbotenen Landes scheinen im Gegenteil in allem ihren Willen zu haben. Sie sind tatsächlich in der Minderheit, da nach einer ungefähren Schätzung, die jedoch durch die Angaben eines freundlichen Lamas unterstützt wurde, das Verhältnis in der Bevölkerung so ist, daß auf jede Frau 15 bis 20 Männer kommen; nichtsdestoweniger bringt es das schöne Geschlecht in Hundes fertig, die männliche Majorität aufs beste zu beherrschen, wobei es ein gutes Werkzeug in den Händen der Lamas ist.

Man kann von einer tibetischen Frau, gleichviel ob sie eine Dame, eine Hirtin oder eine Räuberin ist, nicht sagen, daß sie irgend etwas Einnehmendes an sich habe. In der Tat ist mir das Glück nicht zuteil geworden, eine einzige schöne Frau im Lande zu sehen, wenn ich auch natürlich Frauen gesehen habe, die weniger häßlich waren als andere. Bei dem angehäuften Schmutz, der von Geburt an von Seife, Waschen oder Baden ganz verschont bleibt, bei dem Beschmieren der Nase, der Wangen und der Stirn mit schwarzer Salbe, die das Aufspringen der Haut im Winde verhüten soll, und bei dem unangenehmen Geruch, der den nie gewechselten Kleidern entströmt, bleibt wirklich wenig übrig, was die tibetische Frau anziehend machen könnte.