Und doch, wenn man den ersten Ekel und die ersten Bedenken überwunden hat, besitzt die Tibeterin, aus der Entfernung gesehen, ihre eigenen Reize. Sie hat einen schönen Gang, denn sie ist daran gewöhnt, schwere Lasten auf dem Kopfe zu tragen; und wenn der Hals nicht gewöhnlich zu kurz und dick wäre, um graziös zu sein, würde ihr Kopf auch hübsch auf den Schultern sitzen. Der Körper und die Gliedmaßen sind von großer Muskelstärke und gut entwickelt, doch fehlt es ihnen gewöhnlich an Festigkeit, ein Umstand, der ohne Zweifel übermäßigen Genüssen zuzuschreiben ist. So sieht man auch, wenn sie sich der Sitte gemäß bis an die Taille entblößen, daß ihre Brüste schlaff und hängend sind. Im allgemeinen ist die Tibeterin von starkem Körperbau und zur Korpulenz geneigt. Ihre Hände und Füße lassen Stärke und rohe Kraft erkennen, aber an den Fingern ist weder Gewandtheit noch Gelenkigkeit zu bemerken und daher auch keine Geschicklichkeit für feine oder zierliche Arbeit.

Trotzdem ist die tibetische Frau dem tibetischen Manne weit überlegen. Sie hat ein besseres Herz, mehr Mut und einen bessern Charakter als er. Unzähligemal, wenn die über alle Begriffe furchtsamen Männer bei unserm Näherkommen davonliefen, blieben die Frauen zur Beaufsichtigung der Zelte zurück, und wenn sie auch keineswegs kaltblütig und gefaßt waren, so verließen sie ihren Posten doch sehr selten. –

Auch bei dieser Gelegenheit, als alle freundlich waren, schienen die Frauen viel weniger scheu als die Männer und plauderten ungezwungen und unaufhörlich. Sie überredeten ihre Herren und Gebieter sogar, uns etwas Tsamba und Butter zu verkaufen.

Tibeterin mit Tschukti.

Die tibetischen Frauen tragen wie die Männer Hosen und Stiefel und darüber ein langes gelbes oder blaues Kleid, das bis auf die Füße hinabreicht. Sehr merkwürdig ist ihr Kopfputz: das Haar wird sorgfältig in der Mitte gescheitelt und bis zu den Ohren mit geschmolzener Butter fest an die Kopfhaut geklebt, um dann ringsherum in unzählige kleine Zöpfe geflochten zu werden, an welche die Tschukti, drei Streifen von schwerem rotem und blauem Tuch, befestigt werden, die mit Korallen- und Malachitperlen und mit Silbermünzen verziert sind und von den Schultern bis zu den Hacken hinabreichen. Auf diesen Schmuck schienen die Frauen sehr stolz zu sein, und sie entfalteten viel Koketterie, um unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Es befriedigte sie anscheinend sehr, als wir ihn bewunderten. Bei den wohlhabenderen Damen hängt ein kleines Vermögen über den Rücken herab: denn alles, was sie an Geld und Wertsachen erworben oder erspart haben, wird auf die Tschukti genäht. An dem unteren Ende der Tschukti sind eine, zwei oder drei Reihen kleiner messingener oder silberner Glöckchen befestigt. Daher wird das Nahen der tibetischen Damen, die dieser Mode huldigen, durch das Läuten ihrer Glocken angekündigt; ein seltsamer Gebrauch, dessen Ursprung die Damen mir nicht anders erklären konnten, als daß sie sagten, er sei hübsch und gefalle ihnen.

Die Abbildung einer reisenden tibetischen Dame aus Lhasa ([S. 225]) wurde in Tucker aufgenommen. Sie trug ihr Haar, das von abnormer Stärke und Länge war, in einem einzigen ungeheuern Zopf, und rings um den Kopf zog sich wie ein Heiligenschein ein kreisförmiger hölzerner Kopfputz, auf dessen äußerem Teile Perlen von Korallen, Glas und Malachit befestigt waren. Das ganze Arrangement war so schwer, daß es, trotzdem es gut auf den Kopf paßte, doch durch Schnüre gehalten werden mußte, die teils an das Haar gebunden wurden, teils über den Kopf gingen. Zur Seite des Kopfes hingen an den Ohren und dem Haare ein Paar sehr großer silberner, mit Malachit eingelegter Ohrringe und rings um den Hals drei lange Perlenschnüre mit silbernen Spangen.

Häufig wird auch ein loser silberner Kettengürtel ziemlich tief unterhalb der Taille getragen, und Ringe und Armbänder sieht man fast immer.

Je nach dem Wohnorte und der Lebensstellung der Trägerin kommen natürlich in den Gewändern und dem Schmuck der Damen bedeutende Modifikationen vor, doch die Hauptzüge ihrer Kleidung sind tatsächlich überall dieselben.

Zweiunddreißigstes Kapitel.
Heirat und Tod.