Der Ehebruch ist nichts Seltenes, und die Lamas, die der Mehrzahl nach im Zölibat leben sollen, aber ihr Gelübde nicht immer halten, sind dabei die am häufigsten Schuldigen. Sie werden natürlich nie bestraft; wenn aber der Schuldige ein Laie ist, so muß er dem ersten Gatten der Frau eine seinen Mitteln entsprechende Entschädigung und eine Anzahl von Waren leisten, die von den Beteiligten und ihren Freunden, oder, wenn man es verlangt, durch das Gesetz bestimmt werden.

Eine wirklich strenge Strafe wird nur in dem Falle auferlegt, wenn die Frau eines hohen Beamten mit einem Manne niederen Ranges durchgeht. Die Frau wird zur Strafe ihrer Untreue gepeitscht; ihr Gatte fällt in Ungnade, und ihr Liebhaber wird aus der Stadt oder dem Lagerplatze ausgewiesen.

Gewöhnlich genügen aber Geschenke von Kleidern, Tsamba, Tschura, Guram, Kassur und Wein, die von den unvermeidlichen Kata begleitet sind, um den Zorn des beleidigten Gatten zu besänftigen.

Die Landesgesetze erlauben es übrigens hohen Beamten und einigen wohlhabenden Leuten, die sich nicht mit einer Frau begnügen, so viele Nebenfrauen zu halten, als ihre Mittel ihnen gestatten. –

Die tibetischen Leichenbegängnisse sind interessant, aber sie gleichen denen der Schokas, die ich ausführlich beschrieben habe, so genau, daß ein eingehender Bericht über sie nur eine Wiederholung dessen sein würde, was ich dort schon gesagt habe.

Was jedoch die Bestattung der Leiche selbst betrifft, so haben die Tibeter dabei ihre eigenen, seltsamen Gebräuche. Infolge der großen Knappheit des Brennmaterials ist die Leichenverbrennung das ungebräuchlichste Verfahren, das nur, wenn es sich um wohlhabende Leute oder um Lamas handelt, angewendet und dann in genau derselben Art vollzogen wird wie bei den Schokas. Eine andere, gewöhnlichere Art der Bestattung ist, den Leichnam zusammenzuklappen, ihn in Häute einzunähen und dann mit der Strömung eines Flusses forttreiben zu lassen. Das am meisten übliche Verfahren aber ist die Zeremonie, die ich im nachstehenden schildere.

Der Körper des Verstorbenen wird auf die Spitze eines Hügels getragen, wo die Lamas gewisse Beschwörungsformeln und Gebete sprechen. Dann zieht sich die Menge, nachdem sie siebenmal um den Toten herumgegangen ist, in eine gewisse Entfernung zurück, damit die Raben und Hunde den Leichnam in Stücke reißen können. Es gilt als glückbringend für den Verstorbenen und seine Familie, wenn der größere Teil des Leichnams nur von Vögeln verzehrt wird; ausschließlich Hunde und wilde Tiere kommen, wie die Lamas sagen, wenn der Verstorbene während seines Lebens gesündigt hat. Jedenfalls beobachtet man die fast vollständige Zerstörung des Leichnams eifrigst, und im passenden Augenblick kehren die Lamas und die versammelte Menge, ihre Gebeträder drehend und »Om mani padme hum« murmelnd, zu dem Körper zurück, den sie nun wieder siebenmal, und zwar von links nach rechts umschreiten. Nur bei der Sekte der Bombos werden diese Rundgänge in der umgekehrten Richtung ausgeführt und auch die Gebeträder von rechts nach links gedreht. Dann kauern sich die Verwandten ringsherum, die Lamas setzen sich dicht neben den Leichnam und schneiden mit ihren Dolchen das noch übriggebliebene Fleisch in Stücke. Der Oberlama ißt den ersten Bissen, danach genießen unter Murmeln von Gebeten auch die andern Lamas davon; dann werfen sich die Verwandten und Freunde über das jetzt fast gänzlich entblößte Skelett, um die letzten Stückchen Fleisch abzukratzen, die sie gierig verschlingen. Dieses Mahl von Menschenfleisch wird fortgesetzt, bis die Knochen trocken und rein sind!

Der Sinn dieser gräßlichen Zeremonie ist der, daß der Geist des Verstorbenen, von dessen Leib man ein Stück verschlungen hat, einem für immer freundlich gesinnt bleiben wird. Wenn Vögel und Hunde davon gefressen haben, ist dies ein Zeichen, daß der Körper gesund ist. Kann man diese kannibalischen Neigungen der Tibeter auch nur mit größtem Ekel betrachten, so sind sie eben doch nichts anderes als ein freilich im höchsten Grade widerlicher ritueller Gebrauch.

Wir werden zum Verhör geschleppt.