Die Lamas sollen eine besondere Gier nach Menschenblut haben, das, wie sie sagen, ihnen Kraft, Geist und Stärke verleiht. Wenn sie Wunden aussaugen, die nicht vergiftet sind, trinken sie das Blut, und bei gewissen Gelegenheiten werden auch Wunden nur zu dem Zwecke beigebracht, um das Blut aussaugen zu können. Zu andern Zeiten werden auch die aus Menschenschädeln geschnittenen Becher, die sich in allen Klöstern finden, mit Blut gefüllt, und die Lamas stillen dann der Reihe nach ihren Durst daraus.

Tschanden Sing wird von den Lamas gepeitscht.

Aber genug hiervon! Es ist widerwärtig, darüber zu schreiben; aber dieses Buch würde unvollständig sein, wenn der Kannibalismus der Tibeter keine Erwähnung fände.

Wenn ein heiliger Lama oder ein vom Volke sehr geachteter alter Mann stirbt, werden entweder Teile von dem Fleische oder, wenn die Verbrennung stattgefunden hat, etwas von seiner Asche aufbewahrt und in einem zu dem Zwecke errichteten Tschokden untergebracht; nach der Zahl dieser Bauwerke zu schließen, die man über ganz Tibet verstreut findet, fühlt man sich geneigt zu glauben, daß die halbe Bevölkerung des Landes aus Heiligen bestanden haben muß oder auch, daß das Maß der Heiligkeit in dem heiligen Lande der Lamas nicht gerade übermäßig hoch ist!

Dreiunddreißigstes Kapitel.
Das Moskitolager.

Als wir am Morgen aus unserm Zelt herauskamen, bemerkten wir unter den Tibetern eine ungewöhnliche Bewegung. Eine große Anzahl berittener Leute mit Luntenflinten kamen an, und andere ebenso Bewaffnete traten sogleich aus den Zelten, um sich mit ihnen zu vereinigen. Sie schienen alle sehr erregt; aber ich hatte ein wachsames Auge auf sie, während ich mein Essen kochte. Im ganzen waren es ungefähr 200 Soldaten; alle waren malerisch gekleidet. Dem Anschein nach waren sie gute Reiter, und wie sie jetzt in einer Linie auf uns zuritten, sahen sie gut aus. In einiger Entfernung von uns hielten sie und stiegen von ihren Pferden. Die Offiziere kamen kühn auf uns zugeschritten, von einem kräftigen Burschen in einem schönen Schaffellrocke angeführt. Sein Auftreten war sehr anmaßend, und er schenkte sich sogar die gewöhnlichen Begrüßungen. Ich stand auf; er trat ganz dicht heran und schüttelte die Faust gegen mich.

»Kiu mahla lokhna nga rah luck tiba tangan. Ich will dir eine Ziege oder ein Schaf geben, wenn du zurückgehst«, sagte der Tibeter mit verächtlicher Miene.

»Kiu donna nga di tangan. Und ich gebe dir dies, damit du zurückgehst«, war meine schnelle Antwort, indem ich ihm einen unerwarteten, direkt aus der Schulter geführten Stoß versetzte, der ihn platt auf den Rücken fallen und auf dem Boden zappeln ließ.

Das tibetische Heer, das mit seiner gewöhnlichen Vorsicht die Ereignisse aus respektvoller Entfernung beobachtete, hielt es nun für geraten, einen schnellen Rückzug anzutreten. Ganz unverletzt, aber wie ein Kind schreiend, rannte der Offizier schleunigst fort. Wir verzehrten unser Essen und dachten nur wenig an unsern Sieg. Bis jetzt hatten sich ja die Tibeter mit so verächtlicher Feigheit benommen, daß wir uns zu unsern leichten Erfolgen kaum beglückwünschen konnten. Uns kam das Gefühl, als ob wir wirklich überhaupt keinen Feind vor uns hätten, und dadurch wurden wir etwas unvorsichtig. –