Unser Marsch war jetzt verhältnismäßig leicht; er führte über eine breite grasbedeckte Ebene, über die wir ohne weiteres Hindernis in südöstlicher Richtung vorwärts gingen, wobei wir nordnordöstlich einen hohen Schneegipfel und nordöstlich von uns einen niedrigen Paß in dem Gebirgszuge bemerkten. Gerade vor uns ragte in weiter Ferne ein sehr hohes Gebirge auf; zwischen ihm und uns waren niedrige Hügel. Als wir um einen dieser isolierten Hügel herumgingen, fanden wir an seinem Fuße wieder eine größere, ziemlich lange Manimauer mit zahllosen Inschriften jeden Alters und jeder Größe auf Steinen, Knochenstücken, Schädeln und Hörnern. Weiter im Süden standen drei kleinere und zwei größere spitze Hügel.

Die Soldaten, die wir bei unserm letzten Lagerplatze in die Flucht geschlagen hatten, waren in der Richtung, die wir jetzt verfolgten, weitergegangen, und wir schritten den ganzen Weg in den Spuren ihrer Pferde.

Wir mußten wieder einen Fluß und eine ganze Menge von Bächen überschreiten. Es wurde uns lästig, jedesmal zum Durchwaten Schuhe und Kleider ausziehen zu müssen, weshalb wir die Kleider in einem Bündel auf die Jake banden und den Rest des Nachmittags nach der Art der indischen Fakire barfuß und mit nichts als einem Lendentuch bekleidet weiterwanderten.

Die Sonne war außerordentlich heiß, der Boden sumpfig und die Luft dicht mit riesigen Moskitos angefüllt, die uns das Leben zur Last machten. Vom Kopf bis zum Fuß waren wir mit Stichen bedeckt, und der dadurch verursachte Hautreiz war höchst quälend; wir waren alle ganz geschwollen. Auf dem rechten Ufer eines großen Flusses in 4755 Meter Höhe machten wir halt und gaben der Stelle den Namen »Moskitolager«. Bei Sonnenuntergang vermehrte sich die Zahl der Moskitos so sehr, daß wir fast wahnsinnig wurden; aber glücklicherweise fiel das Thermometer in dem Augenblick, als die Sonne verschwand, auf 1 Grad, und so hatten wir eine ruhige Nacht.

Abends sahen wir eine Anzahl von Reitern, die in scharfem Galopp etwa 2 Kilometer südlich von unserm Wege, aber in derselben Richtung wie wir dahinritten; ohne Zweifel waren sie ausgesandt, um die Behörden in den Orten vor uns in genauer Kenntnis über unsere Bewegungen zu erhalten.

Heute war großer Waschtag. Das Wasser des Stromes war so klar, daß wir der Versuchung, ein großes Reinemachen abzuhalten, nicht widerstehen konnten; so wuschen wir alle unsere Kleider und breiteten sie zum Trocknen in der Sonne aus. Dann wurden Gesicht und Körper gründlich mit Seife gereinigt. Nach der langen Zeit, während der wir diesen Luxus hatten entbehren müssen, kam es uns wie etwas ganz Neues vor.

Während ich mich in Ermangelung von Handtüchern wie gewöhnlich in der Sonne trocknete, beobachtete ich einen sehr hohen schneebedeckten Gipfel etwas rechts von mir und einen niedrigeren in Südsüdwesten, die zu der hohen Kette vor uns gehörten. Auf jeder Seite der Ebene, über die wir gingen, hatten wir jetzt Berge. Der Hügelzug nordöstlich von uns wies eine Lücke auf, die ein schmales Tal freiließ, hinter dem hohe, schneebedeckte Berge zu sehen waren. In südsüdöstlicher Richtung vorwärts gehend, machten wir einen langen Marsch über die grasige Ebene, um dann am Ufer des Brahmaputra, der hier schon ein breiter, tiefer und sehr reißender Strom ist, das Lager aufzuschlagen.

Da wir an Hunderten von Kiang und Antilopen vorbeigekommen waren, unternahm ich kurz vor Sonnenuntergang einen Spaziergang nach den Hügeln, in der Absicht, etwas frisches Fleisch ins Lager zu bringen. Ich beschlich eine Antilopenherde, wurde aber, als ich mich etwa 9 Kilometer vom Lager entfernt hatte, von der Nacht überrascht und hatte bei meiner Rückkehr die größte Mühe, meine Leute in der Dunkelheit wiederzufinden. Sie hatten kein Feuer anzünden können, und da sie beide fest eingeschlafen waren, erhielt ich auf mein Rufen keine Antwort. Als Platz für unser Lager hatten wir eine geschützte Bodensenkung gewählt, und da es ringsherum Hunderte von ähnlichen Stellen, aber nirgends eine Landmarke gab, nach der man sich richten konnte, so war es keineswegs leicht, den einen bestimmten Fleck zu treffen.

Glücklicherweise hörte mich Tschanden Sing, nachdem ich ziemlich lange gerufen hatte, endlich doch, und so fand ich nach dem Ton seiner Stimme den Weg zurück. Am Morgen erblickten wir auf dem andern Ufer des Brahmaputra etwa zwei Kilometer von uns entfernt einen großen Lagerplatz, wo wir wohl hätten Proviant bekommen können; aber der Strom war für uns zum Überschreiten zu reißend, außerdem sahen wir auf unserer Seite des Wassers auch allenthalben schwarze Zelte, und somit lag kein Grund vor, noch die Mühe und Gefahr des Stromübergangs auf uns zu nehmen.

Zu unserer großen Freude gelang es uns, ein Schaf von einigen vorbeikommenden Tibetern zu kaufen, die eine mehrere tausend Köpfe starke Herde vor sich her trieben. Da wir nicht genug trockenes Brennmaterial finden konnten, um Feuer zu machen, betraute ich Man Sing damit, das Tier sicher nach unserm nächsten Lager zu geleiten, wo wir uns daran gütlich tun wollten.