In der Skala der menschlichen Rassen stehen die Raot auf außerordentlich tiefer Stufe.
Die Frauen haben anormal kleine Schädel mit niedriger, schmaler Stirn; aber trotzdem sie aussehen, als fehlte ihnen selbst der leiseste Schimmer von Verstand, sind sie doch nicht unintelligent. Sie haben vorstehende Backenknochen und die langen, platten, breiten und gerundeten Nasen des mongolischen Typus. Das Kinn ist in den meisten Fällen rund und sehr zurücktretend, obgleich die Lippen sich in normaler Lage befinden und dünn und sehr fest geschlossen erscheinen, die Mundwinkel sind emporgezogen. Der Unterkiefer ist kurz und schmal, der obere aber erscheint ganz außer Verhältnis zu der Größe des Schädels. Die Ohren sind groß, abstehend und wenig modelliert, wohlgeeignet, Geräusche aus großen Entfernungen aufzufangen.
Die Köpfe der Männer sind besser geformt, unentwickelt zwar, doch harmonischer in den Verhältnissen. Sie haben höhere und breitete Stirnen, ähnliche, doch kürzere Nasen; das Kinn tritt nicht ganz so weit zurück, der ganze Unterkiefer ist außerordentlich schmal, aber die Oberlippe, wie bei den Frauen, sehr groß und außer jedem Verhältnis.
Ohne Zweifel sind die Raot keine reine Rasse, und selbst unter den wenigen, mit denen ich zusammenkam, bestanden so beträchtliche Verschiedenheiten, daß es unmöglich ist, auf ihren Ursprung zu schließen. Sie haben alle üppiges, kohlschwarzes Haar, das nur mäßige Länge erreicht; es ist nicht grob, aber gewöhnlich so schmutzig, daß es gröber erscheint, als es ist. Sie haben sehr wenig Körperhaare außer in den Achselhöhlen; ihre Bärte verdienen kaum diesen Namen.
Die Männer tragen das Haar gewöhnlich in der Mitte gescheitelt, so daß es zu beiden Seiten des Kopfes herabhängt und die Ohren bedeckt. Ich fand bei ihnen denselben seltsamen Brauch, den ich vor Jahren bei den Ainus von Jesso beobachtet hatte: daß sie ein rautenförmiges Stück der Kopfhaut in der Mitte der Stirn über der Nase glattrasieren. Die Frauen ziehen ihr Haar nach dem Hinterkopfe, wobei sie die Finger als Kamm gebrauchen, und binden es in einen Knoten zusammen.
Die Körper der besser entwickelten Individuen, die ich sah, waren schmächtig und beweglich, ohne überflüssiges Fett oder Fleisch, in gewissem Grade geschmeidig, doch stämmig und muskulös, mit gut proportionierten Gliedmaßen und einer zwischen Bronze und Terrakotta warm getönten Haut. Schmutzig und unbekleidet, hatten diese Wilden durch ihr majestätisches Auftreten besondere Anziehungskraft für einen Künstler. Ihr regelmäßiges Atmen fiel mir auf; es erfolgte durch die Nase, während sie den Mund fest geschlossen hielten. Eine merkwürdige Eigentümlichkeit wiesen ihre Füße auf, an denen die zweite Zehe besonders lang war und beträchtlich über die andern hinausragte, was sie ohne Zweifel befähigt, die Zehen fast ebenso zu benutzen wie wir die Finger. Die innern Flächen ihrer Hände waren fast ohne Linien, die Fingernägel flach und die Daumen abgestumpft mit auffallend kurzem letztem Gliede.
Wenn die Raot heute einige Kleidungsstücke und Schmuck angenommen und daneben ihre Nahrungsweise bis zu einem gewissen Grade geändert haben, so ist dies ausschließlich dem Rajiwar von Askot zu verdanken, der ein großes Interesse für die von ihm beherrschten Stämme hegt und sie in patriarchalischer Weise mit allen möglichen Lebensbedürfnissen versorgt. Nur sehr wenige Raot sind in den letzten Jahren nach Askot gekommen, da sie von Natur sehr scheu und augenscheinlich mit ihren primitiven Wohnstätten in den Wäldern von Tschipula zufrieden sind; sie beanspruchen diese Wälder als ihr Eigentum. Ihre einzige Beschäftigung sind Fischfang und Jagd, und es heißt, daß sie eine besondere Vorliebe für das Fleisch der größern Affen des Himalaja haben, während ich, nach eigener Beobachtung, sagen möchte, daß sie fast alles essen, was sie bekommen können.
Man hat gemeinhin angenommen, daß die Weiber der Raot in strenger Abgeschlossenheit und vor Fremden verborgen gehalten werden. Das ist aber unzutreffend, denn ich habe verschiedene Photographien von Raotweibern aufgenommen, zu denen sie mir auf meine Bitte und ohne den geringsten Einspruch der Männer gestanden haben.
Die Zahl der Raot ist in schneller Abnahme begriffen, hauptsächlich infolge häufiger Ehen zwischen Blutsverwandten. Mir wurde versichert, daß die Frauen nicht unfruchtbar seien, aber daß unter den kleinen Kindern enorme Sterblichkeit herrsche. Die Raot begraben ihre Toten und bringen mehrere Tage lang dem Geiste des Abgeschiedenen Speise und Trank dar.
Es war mir nicht möglich festzustellen, worin ihre Ehezeremonien bestehen, oder ob sie überhaupt welche haben, die der Erwähnung wert sind, aber es scheint, daß ein starkes Familiengefühl zwischen den in ehelicher Verbindung lebenden Paaren besteht. Sie sind abergläubisch und haben eine merkwürdige Furcht vor den Berggeistern, vor der Sonne, dem Mond, Feuer, Wasser und Wind. Ob sich diese Furcht zu einer bestimmten Form der Verehrung erhebt, kann ich nicht sagen; jedenfalls sah ich nichts, was auf Gebet oder Opfer schließen läßt.