DIE FOLTER MIT DEM GLÜHENDEN EISEN.

Die Umstände, unter denen ich »reiste«, erlaubten mir weder, mich über die Beschaffenheit des Sandes zu vergewissern noch irgendwelche Untersuchungen darüber anzustellen, von wo der Sand herkam. Aber ein Blick über das Land ringsum ließ mich als sicher annehmen, daß der Sand von Süden her dahin gekommen sein müßte. Man konnte dies deutlich an Vertiefungen und wellenförmigen Erhebungen sehen, die zeigten, daß der Sand in ungefähr nördlicher Richtung gewandert war. Und wenn ich auch, da es mir nicht möglich war, dies bestimmt festzustellen, nicht beabsichtige, meine persönliche Ansicht über die Bewegungen und den Ursprung dieser Sandablagerungen als durchaus richtig hinzustellen, so bin ich doch ziemlich fest davon überzeugt, daß der Sand dort durch den Wind abgelagert worden ist, der ihn aus den heißen Ebenen Indiens über die Kette des Himalaja gebracht hat.

Von dem hohen Aussichtspunkte, zu dem wir emporgestiegen waren, durchforschten meine Wachen das Land nach allen Richtungen. Nach Osten hin sahen wir in weiter Ferne eine große Schar von Reitern, die Wolken von Staub aufwirbelten. Wir ritten den Hügel wieder hinab, wobei unsere Tiere in den weichen Sand einsanken, und machten uns, als wir am Fuße angelangt waren, wo der Boden härter war, wieder auf unsern Weg, in der Richtung auf die herankommende Schar.

Sattel mit Stacheln.

Meile nach Meile wurde in unangenehm schnellem Trab zurückgelegt, bis wir an einer Stelle anlangten, wo wir die Reiterschar, die wir von dem Gipfel des Hügels gesehen hatten, in einer Linie aufgestellt fanden. Es war ein schöner Anblick, als wir näher kamen, wenn auch die Schmerzen, die ich zu erdulden hatte, dem Vergnügen, das dieses malerische Schauspiel mir sonst wohl gewährt hätte, einigen Abbruch taten. Ungefähr hundert rote Lamas standen in der Mitte, mit Bannerträgern neben sich, die merkwürdige flache Hüte auf dem Kopfe trugen, und etwa die gleiche Anzahl Soldaten und Offiziere in grauen, roten und schwarzen Tunikas, im ganzen etwa zweihundert Reiter.

Vor der Menge der Lamas und Soldaten, etwas von ihnen entfernt, hielt der Pombo in gelbem Rocke und Hose und den sonderbaren spitzigen Hut auf dem Kopfe, auf einem prächtigen Pferde.

Seltsamerweise ließ der Reiter, der mein Pferd führte, den Strick los, als wir dicht an diese neue Menschenmenge herangekommen waren. Mit grausamen Peitschenschlägen angetrieben, wurde das Tier seiner Laune überlassen. Die Soldaten meiner Wache lenkten ihre Pferde zur Seite. Mein Pferd stürzte fort, gerade auf den Pombo los. Als ich dicht an ihm vorbeikam, kniete der schon erwähnte Nerba, der »Privatsekretär« des Tarjum von Toktschim, nieder, zielte mit seiner auf der Stütze ruhenden Luntenflinte nach mir und feuerte ohne weiteres einen Schuß auf mich ab.

Aber trotzdem dieser Nerba, wie ich später erfuhr, einer der Meisterschützen des Landes war und die Entfernung von seiner Luntenflinte bis zu mir nicht mehr als vier Meter betrug, traf mich die Kugel doch nicht, sondern sauste an meinem linken Ohr vorbei. Das Geschoß verursachte ein merkwürdiges zischendes Geräusch, dem einer kleinen Rakete nicht unähnlich. Wahrscheinlich hatte die Schnelligkeit, mit der mein Pferd vorwärts rannte, mich gerettet, da der Schütze auf keinen festen Punkt zielen konnte. Mein Pferd, durch die Entladung der Luntenflinte in solcher Nähe erschreckt, scheute und fing an, sich zu bäumen und nach hinten auszuschlagen. Ich konnte mich aber im Sattel behaupten, trotzdem die Eisenstacheln des Sattels den untern Teil meines Rückens schrecklich zerfleischten.

Jetzt kamen mehrere Reiter näher und fingen mein Pferd ein; dann wurden die Vorbereitungen für eine neue aufregende Nummer in dem Programm meiner Martern getroffen. In ihrer Art waren diese edlen Lamas große Sportsfreunde! Ich schwur mir selbst, mochten sie mir antun, was sie wollten, ich würde ihnen nicht die Genugtuung bereiten, zu zeigen, daß sie mir wehe täten.