Diesem Grundsatz getreu, gab ich mir den Anschein, als fühlte ich nicht die Wirkung der Stacheln, die mir das Fleisch vom Rücken rissen. Als man mich vor den Pombo führte, um ihm zu zeigen, wie ich mit Blut bedeckt war, sprach ich meine Zufriedenheit darüber aus, auf einem so vorzüglichen Pferde reiten zu dürfen.

Mein Betragen schien die Tibeter gänzlich irrezumachen. Jetzt wurde ein ungefähr vierzig bis fünfzig Meter langer Strick aus Jakhaaren gebracht und der an dem einen Ende befestigte Ring an meinen Handschellen festgemacht; das andere Ende wurde von einem Reiter gehalten.

Nun fing die wilde Jagd wieder an. Diesmal folgte uns nicht nur die Wache, sondern auch der Pombo mit allen seinen Leuten. Ein- oder zweimal konnte ich nicht umhin, mich umzudrehen, um zu sehen, was sie anfingen. Die Kavalkade bot einen unheimlich malerischen Anblick. Die Reiter mit ihren bunten Kleidern, ihren Luntenflinten mit roten Fähnchen, ihren juwelenbesetzten Schwertern, ihren Bannern mit langen, im Winde flatternden vielfarbigen Bändern, alle in wütendem Galopp, schreiend, kreischend und zischend, inmitten eines betäubenden Geklingels von Tausenden von Pferdeglocken.

Tibetischer Bannerträger.

Um unsere Eile zu beschleunigen, ritt ein Soldat an meiner Seite, der wütend auf mein Pferd peitschte, um es in schnellstem Gang zu erhalten. Inzwischen tat der Reiter, der den Strick hielt, alles was er konnte, mich aus dem Sattel zu ziehen, ohne Zweifel in der Hoffnung, daß ich von den Reitern hinter mir totgetreten würde. Wenn ich, um meinen Sitz zu behaupten, den Körper nach vorn bog und mit dem Strick an den Armen heftig nach hinten gezogen wurde, rieben die Handschellen mir das Fleisch von den Händen und Knöcheln ab. An einzelnen Stellen wurde der Knochen bloßgelegt; natürlich brachte mich jeder Ruck auch in gewaltsame Berührung mit den Stacheln des Sattels und verursachte mir tiefe Wunden. Schließlich gab der Strick, so stark er auch war, unerwartet nach, der Soldat, der am andern Ende zog, flog plump vom Pferde, und ich war nahe daran, durch den unerwarteten Ruck abgeworfen zu werden. Zuerst erregte dieser spaßhafte Vorfall meiner Eskorte große Heiterkeit, aus der aber ihre abergläubischen Gemüter sofort ein böses Omen machten.

Als mein Pferd sowie der davongelaufene Gaul des abgeworfenen Reiters angehalten wurden, benutzte ich ihre Furcht, um ihnen noch einmal zu versichern, daß jedes Leid, das sie mir anzutun versuchten, sich immer gegen sie selbst richten würde. Der Strick wurde mit verschiedenen starken Knoten wieder zusammengebunden, und nach einer Unterbrechung von wenigen Minuten begannen wir unsern halsbrecherischen Galopp von neuem, wobei ich wieder als Vorderster zu reiten hatte.

Gegen Ende unseres Rittes mußten wir im Bogen um einen Sandhügel herumreiten; zwischen ihm und einem großen Teiche führte ein schmaler Pfad hindurch. An diesem Punkte sah ich mich plötzlich einem Soldaten gegenüber, der seine Luntenflinte schußbereit hielt. Das Pferd sank tief in den Sand ein und konnte hier nicht schnell vorwärts. Es war dies, wie ich vermute, der Grund, weshalb man gerade diese Stelle gewählt hatte. Der Mann feuerte, als ich nur ein paar Schritte an ihm vorbeikam; aber das Glück wollte, daß auch dieser zweite Mordversuch mich unversehrt ließ.

Aus dem weichen Sande glücklich herausgekommen und auf härtern Boden gelangt, begannen wir wieder unsern ungestümen Lauf. Von hinten wurden mehrere Pfeile auf mich abgeschossen; aber wenn auch einige sehr nahe an mir vorbeigingen, traf mich doch keiner. Endlich kamen wir nach einem an Ereignissen und Aufregungen reichen Ritte gegen Sonnenuntergang an unserm Bestimmungsort an.

Neununddreißigstes Kapitel.
Die Folterung.