Ein gewaltiges zweihändiges Schwert wurde jetzt dem Pombo gereicht, der es aus seiner Scheide zog.
»Töte ihn, töte ihn!« schrie der Pöbel abermals, um den Scharfrichter anzuspornen, dessen abergläubische Natur das böse Omen von vorhin, als ihm die Flinte aus der Hand geflogen war, noch nicht verwunden hatte (wahrscheinlich schrieb er den Vorfall dem Eingreifen einer höhern Macht und nicht dem übermäßigen Laden zu) und der deshalb abgeneigt schien, fortzufahren.
Bettelmusikanten.
Diesen Augenblick benutzte ich, um zu sagen, daß sie mich töten möchten, wenn sie wollten, aber daß, wenn ich heute stürbe, sie alle morgen sterben würden – eine nicht zu leugnende Tatsache, da wir ja alle eines Tages sterben müssen. Einen Augenblick lang schien sie dies abzukühlen; aber die Aufregung der Menge war zu groß, und es gelang ihr endlich, den Pombo in leidenschaftliche Wut zu bringen. Sein Zorn war so heftig, daß sein Gesicht ganz unkenntlich wurde. Er sprang gleich einem Rasenden herum. In diesem Augenblick näherte sich ein Lama und schob dem Henker geschickt etwas in den Mund, dem nun sogleich der Schaum vor die Lippen trat. Ein Lama hielt das Schwert, während der Pombo, um die Arme freizumachen, einen Ärmel seines Rockes zurückschlug; den andern schlugen ihm die Lamas zurück. Dann schritt er mit langsamen, gewichtigen Schritten auf mich zu, wobei er mit den ausgestreckten nackten Armen die glänzende scharfe Klinge hin- und herschwenkte.
Unser plötzlicher Angriff auf die tibetische Wache.
Nerba, der mich noch an den Haaren hielt, bekam den Befehl, mich zum Beugen des Nackens zu zwingen. Mit der geringen Kraft, die mir noch übrig war, und mit dem nervösen Mute eines dem Tode verfallenen Mannes widersetzte ich mich, entschlossen, den Kopf aufrecht und die Stirn hochzubehalten. Gewiß, sie konnten mich töten, sie konnten mich, wenn sie wollten, in Stücke zerhacken, aber bis ich das letzte Atom meiner Kraft verloren hätte, sollten diese Schurken mich nie dazu bringen, den Nacken vor ihnen zu beugen. Ich wollte sterben, aber nur, indem ich auf den Pombo und seine Landsleute herabsah!
Der Henker, der jetzt, das Schwert in den nervigen Händen, dicht bei mir stand, hob es hoch über seine Schultern empor. Dann führte er es bis an meinen Hals hinunter, den er mit der scharfen, kalten Klinge berührte, wie um die Entfernung für einen wirksamen Streich zu messen. Dann einen Schritt zurücktretend, erhob er das scharfe Schwert wieder schnell und führte mit aller Kraft einen Hieb nach mir. Das Schwert ging scharf an meinen Hals heran, berührte mich aber nicht. Ich wollte weder ausweichen noch sprechen, und mein gleichgültiges Benehmen imponierte ihm so, daß er fast erschrak. Er zögerte wirklich, sein teuflisches Beginnen fortzusetzen, aber die Ungeduld und die Unruhe der Menge hatten jetzt ihren Höhepunkt erreicht, und die in seiner Nähe stehenden Lamas gestikulierten wie wahnsinnig und feuerten ihn weiter an.
Während ich dies niederschreibe, wird ihr wildes Geschrei, der blutdürstige Ausdruck ihrer Gesichter wieder vor meinem Geiste lebendig. Augenscheinlich gegen seinen Willen wiederholte der Henker dasselbe Verfahren noch einmal auf der andern Seite meines Kopfes. Diesmal kam die Klinge so nahe, daß die Schneide des Schwertes nicht weiter als vielleicht einen Zentimeter von meinem Halse entfernt gewesen sein kann.