Es schien nun alles bald vorbei zu sein; aber sonderbarerweise fiel es mir in diesem kritischen Moment nicht ein, daß ich sterben sollte. Woher ich dieses Gefühl hatte, kann ich nicht sagen, da alles, was geschah, darauf hindeutete, daß mein Ende sehr nahe war. Es tat mir ja leid, daß, wenn mein Ende wirklich nahe bevorstand, ich sterben sollte, ohne meine Verwandten und Freunde wiedergesehen zu haben, und daß sie möglicherweise nie erfahren würden, wo und wie ich gestorben war. Natürlich war ich nicht sehr geneigt, eine Welt zu verlassen, in der ich nie einen langweiligen Augenblick gehabt hatte. Aber nach all den schlimmen Erfahrungen, schrecklichen Leiden und Aufregungen, die wir seit unserm Betreten Tibets erduldet hatten, machte ich mir meine jetzige Lage nicht so klar, wie ich es getan haben würde, wenn ich aus meiner behaglichen Londoner Wohnung direkt auf den Richtplatz geschleppt worden wäre.
Es ist natürlich, daß ich dieses Schauspiel nie vergessen werde, und man muß es den Tibetern lassen, daß das Ganze malerisch inszeniert wurde. Sogar die gräßlichsten Zeremonien können ihre künstlerischen Seiten haben, und gerade diese, die mit außerordentlichem Pomp und Gepränge vollzogen wurde, war wirklich großartig.
Es scheint, daß in Tibet diese unangenehmen Schwertübungen vor der wirklichen Enthauptung ausgeführt werden, um das Opfer noch mehr leiden zu machen, ehe ihm der Todesstreich gegeben wird. Ich wußte das damals noch nicht und erfuhr erst einige Tage später, daß das Opfer bei dem dritten Streiche gewöhnlich wirklich enthauptet wird.
Noch immer verlangten die Lamas stürmisch nach meinem Kopf; aber diesmal blieb der Pombo standhaft und weigerte sich, mit der Exekution fortzufahren. Nun scharten sie sich um ihn und schienen sehr zornig zu sein; sie schrien, kreischten und gestikulierten aufs ungestümste. Der Pombo aber hielt noch immer seine Augen halb ehrfurchtsvoll, halb erschreckt auf mich geheftet und weigerte sich, vorzugehen …
Eine erregte Beratung folgte.
Vierzigstes Kapitel.
Ein Fluchtversuch.
Inmitten dieses barbarischen Schauspiels langte mein Kuli Man Sing an. Er war oft von seinem ungesattelten Pferde gefallen und weit zurückgeblieben. Jetzt ließ Nerba mein Haar los, während ein anderer mich heftig von vorn stieß, so daß ich hintenüber fiel und mir dadurch eine schmerzhafte Zerrung aller Sehnen meiner Beine zuzog. Man Sing, der über und über zerschlagen und von Schmerzen gepeinigt war, wurde herangebracht und mit den Beinen an denselben Balken gebunden, an dem ich befestigt war. Mir wurde gesagt, daß mein Kuli zuerst getötet werden würde, und ein roher Lama packte ihn brutal am Halse. Mit einem Stoße wurde ich in sitzende Stellung gebracht und mir eine Decke über den Kopf geworfen, so daß ich nicht sehen konnte, was sie vorhatten. Ich hörte den armen Man Sing jämmerlich stöhnen, dann folgte Totenstille. Ich rief ihn, bekam aber keine Antwort; so schloß ich, daß sie ihn in ein besseres Jenseits befördert hätten. Über eine Viertelstunde wurde ich in dieser schrecklichen Spannung gelassen; dann endlich nahmen sie mir das Tuch vom Kopfe, und ich erblickte meinen Kuli, der vor mir lag, an den Balken gebunden und fast bewußtlos, aber – Gott sei Dank! – noch am Leben. Er sagte mir, daß ihm, als ich ihn gerufen, ein Lama die Hand auf den Mund gelegt habe, um ihn am Antworten zu verhindern, während er ihm mit der andern Hand den Hals so fest zusammengedrückt habe, daß er beinahe erstickt sei.
Nach einiger Zeit erholte sich Man Sing; die Kaltblütigkeit und Tapferkeit, die der arme Bursche in diesen schrecklichen Prüfungen erwies, war wunderbar.
Jetzt sagte man uns, unsere Hinrichtung sei bis zum nächsten Tag aufgeschoben, damit wir gefoltert werden könnten, bis die Stunde käme, wo man uns zum Tode führen würde. Eine Menge Lamas und Soldaten umstand und verhöhnte uns. Ich benutzte die günstige Gelegenheit, die diese Pause bot, um einen großtuerischen Lama anzurufen und ihn um eine Erfrischung zu bitten.
»Ortscheh, ortscheh nga dappa tugu duh, tschuen deh, dang jak, guram tscha, tsamba pin. Ich bin sehr hungrig, bitte, gib mir etwas Reis, Jakfleisch, Ghur, Tee und Hafermehl!« Ich bat in meinem besten Tibetisch.