»Hum murr, Maharaja! Ich möchte Butter, Ew. Majestät«, fügte Man Sing halb in tibetischer, halb in hindostanischer Sprache hinzu.
Diese natürliche Bitte um Nahrung schien unsern Peinigern, die einen Kreis um uns gebildet hatten, außerordentliches Vergnügen zu bereiten. Sie lachten herzlich; aber Man Sing und ich fühlten uns, ausgehungert und in einer höchst qualvollen Stellung gebunden sitzend, zu allem andern aufgelegt als zum Lachen.
Der Tag ging jetzt zur Neige; unsere Peiniger unterließen es nicht, uns beständig daran zu erinnern, daß uns am nächsten Tage der Kopf vom Halse getrennt werden sollte. Ich sagte ihnen darauf, das würde uns nicht wehe tun, weil wir, wenn sie uns nichts zu essen gäben, dann schon längst Hungers gestorben sein würden.
Ob sie sich nun vorstellten, daß dies wirklich der Fall sein könnte, oder ob andere Gründe sie dazu bewogen, kann ich nicht sagen; jedenfalls wurden mehrere der Lamas, die die Brutalsten gewesen waren, unter ihnen auch der eine, der sich am Tage vorher an Tschanden Sings Geißelung beteiligt hatte, jetzt ganz höflich und behandelten uns mit überraschender Ehrerbietung. Zwei Lamas wurden nach dem Kloster geschickt und kamen nach einiger Zeit mit Säcken voll Tsamba und einem großen Topfe heißen Tees zurück. Kaum je in meinem Leben habe ich mehr Genuß von einer Mahlzeit gehabt, obgleich die Lamas mir mit ihren ungewaschenen Fingern das Essen so schnell in den Hals stopften, daß sie mich fast damit erstickten.
»Iß, iß, soviel du kannst!« sagten sie grimmig, »es wird dein letztes Mahl sein.«
Und ich aß und spülte die Tsamba mit ungeheuren Mengen buttergemischten Tees hinab, den sie mir ziemlich unachtsam in den Mund gossen.
Man Sing, dem seine Religion nicht gestattete, Speisen zu essen, die von Leuten einer andern Kaste berührt waren, erhielt die Erlaubnis, das Mahl aus der hölzernen Schale auszulecken. Was mich betrifft, so war ich nicht zu stolz, auch meine Zuflucht zu diesem Mittel zu nehmen, als mein demütiges »Ortscheh, ortscheh, tschuan mangbo teroktschi! Bitte, bitte, gib mir etwas mehr!« durch ein mißbilligendes Kopfschütteln der Lamas beantwortet wurde und ihnen die ständige Verneinung »Middu, middu« entlockte. Da ich noch zu hungrig war, um etwas von der kostbaren Speise verschwenden zu können, drehten mir die Tibeter die hölzerne Schale wieder und wieder um den Mund, bis ich sie so rein geleckt hatte, als ob sie nie gebraucht worden wäre!
Nach der Aufregung des Tages fühlten wir uns etwas wohler, um so mehr als wir, wenn auch nur für ein paar Augenblicke, etwas weniger schlecht behandelt wurden. Aber dieser Verbesserung unserer Lage, so klein sie war, wurde bald Einhalt getan.
Von dem Kloster kam ein Lama, der nach rechts und links Befehle gab, und wieder geriet das ganze Lager in Bewegung. Man stürzte sich auf uns und ergriff uns, und während mehrere Männer mich niederhielten, wurden mir die Beine schnell losgebunden. Dann hoben sie mich wieder in die Höhe, bis ich aufrecht auf der scharfen Kante des prismatischen Balkens stand; zwei Männer packten mein eines Bein, zwei das andere und rissen sie so weit auseinander, als irgend möglich war. Hierauf wurde mir von vier oder fünf kräftigen Männern ein Strick nach dem andern um Füße und Knöchel gewunden und mit aller Macht angezogen, so daß ich wieder wie vorher an dem Balken festgemacht war.
Da meine Beine diesmal viel weiter auseinandergezerrt waren, empfand ich, als sie mich jetzt nach rückwärts hinabstießen, noch viel größere Schmerzen in den Beinmuskeln als zuvor. Aber ehe ich noch Zeit hatte, mir dessen ganz bewußt zu sein, rissen mir die Lamas, die jetzt wieder so wild waren, wie ich sie anfangs gesehen hatte, die gefesselten Arme nach hinten, um einen Strick an die Kette der Handschellen zu binden. Hiermit fertig, zogen sie den Strick durch ein Loch am obersten Ende eines hohen, hinter mir stehenden Pfahles und rissen, indem sie kräftig daran zerrten, meine Arme in einer Weise nach oben, daß sie, wäre ich weniger gelenkig gewesen, sie mir sicher gebrochen hätten. Als ihre vereinte Kraft mich keinen Zoll weiter emporziehen konnte, ohne mich in Stücke zu zerreißen, machten sie den Strick fest; so blieb ich halb hängen und hatte das Gefühl, als ob alle Knochen meiner Glieder sich aus den Gelenkpfannen lösten oder schon gelöst hätten. Da das Gewicht des Körpers nach unten zog, mußte, das fühlte ich, jeder Augenblick die Qual dieser schrecklichen Tortur vergrößern, die eine primitive Form der Streckfolter war.