Man Sing war auf der andern Seite ebenso aufgehängt worden; mit den Füßen war er an denselben Balken gebunden, an dem die meinigen befestigt waren.
Zuerst war der Schmerz sehr heftig, denn die Sehnen der Beine und Arme wurden furchtbar angespannt und das Rückgrat so gebogen, daß es fast brach. Die nahe aneinandergezwängten Schulterblätter drückten die Wirbel einwärts, und längs des Lendenwirbels, wo die Anspannung am größten war, empfand ich furchtbare Schmerzen.
Als ob dies noch nicht genug wäre, wurde noch ein Strick von Man Sings Hals zu meinem gezogen, um unsere Hälse in eine höchst unbequeme Lage zu bringen.
Es fing heftig zu regnen an, wir wurden aber trotzdem im Freien gelassen. Unsere Kleider, d. h. die Lumpen, in die sie sich bei dem Ringkampfe vor unserer Gefangennehmung aufgelöst hatten, wurden gänzlich durchnäßt. Halbnackt und verwundet, erstarrten wir bald vor Kälte, bald brannten wir im Fieber. Eine Wache umgab uns, die zwei an Pflöcke gebundene Wachhunde bei sich hatte. Augenscheinlich verließen sich die Soldaten so fest auf die Unmöglichkeit unsers Entfliehens, daß sie sich ihre schweren Decken über die Köpfe zogen und schliefen. Einer von ihnen bewegte sich im Schlafe und stieß dabei sein Schwert unter der Decke hervor, in die er sich fest eingerollt hatte. Dies brachte mich auf den Gedanken eines Fluchtversuchs.
Es war inzwischen sehr dunkel geworden. Dank der außerordentlichen Gelenkigkeit meiner Hände gelang es mir, die rechte Hand aus den Handschellen zu ziehen, und nach ungefähr einer Stunde heimlicher, ängstlicher Arbeit brachte ich es fertig, die Stricke, mit denen Man Sings Füße gebunden waren, zu lösen. Dann flüsterte ich ihm zu, er solle langsam aufstehen und das Schwert mit dem Fuße zu mir hinschieben, bis ich so weit reichen könne. Wenn dies gelang, konnte ich bald meine Fesseln und die um Man Sings Hände durchschneiden; mit einer Waffe in unserm Besitz würden wir dann einen kühnen Streich zur Erlangung unserer Freiheit ausführen können.
Man Sing aber war kein Meister in der Gelenkigkeit. In seiner Freude, sich teilweise frei zu fühlen, bewegte der arme Kuli seine Beine ungeschickt. Die wachsamen Hunde bemerkten es und schlugen an. In einem Augenblick sprangen die Wachen auf; furchtsam wie immer, verließen sie uns eiligst, um Licht zu holen und unsere Fesseln zu untersuchen.
Durch die Dunkelheit der stürmischen Nacht begünstigt, gelang es mir inzwischen, meine Hand in die Handschellen zurückzuzwängen. Sie wieder hineinzustecken war schwieriger, als sie herauszuziehen; aber ich hatte gerade Zeit genug, die Sache auszuführen. Jetzt kamen die Leute, die nach dem Kloster gegangen waren, mit Lichtern zurück. Ich stellte mich fest schlafend, was allerdings sehr unwahrscheinlich war, wenn ich in jedem Knochen meines Körpers das Gefühl hatte, als ob er lose geworden sei, wenn jedes Glied starr und kalt, jede Sehne und jedes Band so angespannt war, daß ich vor Schmerzen fast wahnsinnig wurde!
Die Tibeter fanden die Fesseln um Man Sings Füße gelöst. Sie untersuchten meine Hände und fanden sie noch ebenso, wie sie sie gelassen hatten. Sie betrachteten meine Füße. Die Stricke waren noch da und schnitten tief in mein Fleisch ein. Sie betrachteten Man Sings Hände und fanden auch sie noch immer an dem hinter ihm stehenden Pfahl befestigt.
Der geheimnisvolle Vorgang erschien den Tibetern so rätselhaft, daß sie ernstlich erschraken. Sie fingen an, aufgeregt zu schreien und um Hilfe zu rufen. Kaum hatten sie Lärm geschlagen, so stürzte auch schon eine Schar auf uns los und stellte sich mit gezogenen Schwertern um uns auf. Einer, der tapferer als die übrigen war, gab Man Sing ein paar Peitschenhiebe und drohte uns, daß wir auf der Stelle enthauptet werden sollten, wenn man unsere Stricke noch einmal gelöst finden würde. Der Kuli wurde wieder gebunden, diesmal noch fester als zuvor.
Zur Vorsicht wurde jetzt ein Licht zwischen mich und Man Sing gestellt, und da es noch heftig regnete, brachten die Tibeter ein leinenes Schutzdach über uns an, damit das Licht nicht ausgelöscht würde. Gegen 6 oder 7 Uhr morgens wurden Man Sings Füße losgebunden, seine Hände aber nicht. Mich ließen sie noch in derselben qualvollen Stellung. So vergingen mir die Stunden sehr langsam. Meine Beine, Arme und Hände waren allmählich ganz abgestorben, und ich fühlte, nachdem ich die ersten sechs, sieben Stunden in der Streckfolter zugebracht hatte, keinen eigentlichen Schmerz mehr. Die Erstarrung kroch langsam durch jedes Glied meines Körpers, bis ich das eigentümliche Gefühl hatte, als hätte ich einen lebenden Kopf auf einem toten Leibe.