Es ist merkwürdig, wie das Gehirn unter solchen Umständen tätig bleibt und so gut arbeitet, als ob es durch das Absterben aller übrigen Organe gar nicht angegriffen würde. –

Der Tag, der jetzt heraufdämmerte, war reich an seltsamen Ereignissen. Als die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel stand, kam der Pombo mit einer großen Schar von Lamas von dem Kloster geritten, obgleich die Entfernung nur sehr gering war. Er ging nach seinem Zelt; gleich darauf wurden meine Kisten mit den wissenschaftlichen Instrumenten herausgebracht und geöffnet, wobei die Soldaten ein ergötzliches Gemisch von Neugier und Vorsicht zeigten. Ich mußte den Gebrauch jedes Instruments erklären, eine schwierige Sache, wenn man ihre Unwissenheit und meine sehr begrenzte Kenntnis des Tibetischen bedenkt, die mir nicht erlaubte, wissenschaftliche Vorträge zu halten. Mit großem Mißtrauen wurde der Sextant angesehen, mit noch größerm der hypsometrische Apparat, den sie mit seinen Thermometern in Messingröhren für irgendeine Art von Feuerwaffe hielten. Dann kam eine Partie von noch nicht entwickelten photographischen Platten, von denen sie einen Kasten nach dem andern im hellen Tageslichte öffneten und so in wenigen Augenblicken die wertvollen Negative zerstörten, die ich seit meinem Aufbruch vom Mansarowar aufgenommen hatte. Der Pombo, der genauer beobachtete als die andern, bemerkte, daß die Platten eine gelbliche Färbung annahmen, als sie dem Lichte ausgesetzt wurden.

»Was ist das?« fragte er.

»Das ist ein Zeichen, daß du für das, was du mir antust, zu leiden haben wirst.«

Der Pombo schleuderte die Platte fort und war ganz außer Fassung. Er gab den Befehl, in einiger Entfernung ein Loch in den Boden zu graben und die Platten sofort hineinzuversenken. Aber die Soldaten, denen der Befehl erteilt wurde, schienen keine Lust zu haben, die Platten zu berühren, und mußten erst von den Lamas gescholten und geschlagen werden, ehe sie gehorchten. Endlich schoben sie den Kasten mit den Negativen mit den Füßen nach einer etwas abgelegenen Stelle. Dort gruben sie nach Hundeart mit den Händen ein tiefes Loch in den schlammigen Boden. Ich mußte sehen, wie meine Arbeit von mehreren Wochen für immer mit Erde bedeckt wurde! Es war ein harter Schlag für mich.

Jetzt kam mein Malkasten mit seinen Wasserfarben an die Reihe.

»Was tust du mit diesen?« rief der zornige Lama und wies auf die harmlosen Farben.

»Ich male Bilder.«

»Nein, du lügst! Mit dem Gelb findest du, wo Gold im Lande ist, und mit dem Blau entdeckst du, wo Malachit ist.«

Ich versicherte ihm, daß dem nicht so sei, und sagte, daß, wenn man mich losbinden wolle, ich, sobald ich den Gebrauch meiner Arme wiedererlangt hätte, von ihm ein Bild malen würde. Klugerweise zogen die Lamas aber vor, mich gebunden zu lassen.