Als ich einige Wochen später befreit worden war, gelang es mir, von den Tibetern den Grund ihres Erstaunens zu erfahren. Meine Finger sind etwas höher zusammengewachsen, als gewöhnlich der Fall ist, und diese Eigentümlichkeit wird in Tibet sehr hoch geschätzt. Wer solche Finger besitzt, dessen Leben ist nach tibetischem Glauben durch Zauber gefeit; was auch die Menschen versuchen mögen, ihm kann kein Leid geschehen. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser lächerliche Aberglaube viel dazu beitrug, des Pombo Entscheidung über unser Schicksal zu beschleunigen.

So befahl denn der Pombo, daß mein Leben geschont werden und daß ich noch an demselben Tage meine Rückreise nach der indischen Grenze antreten solle. Von meinem eigenen Gelde nahm er 120 Rupien, die er mir für meine Bedürfnisse während der Reise in die Tasche steckte, und befahl, daß ich, wenn auch noch gefesselt, doch freundlich behandelt werden sollte, ebenso meine Diener.

Als alles bereit war, wurden Man Sing und ich zu Fuß nach Toxem geführt; unsere Wache bestand aus ungefähr fünfzig Reitern. Trotz unserer schlimmen, zerfleischten Füße, trotz unserer schmerzenden Knochen und der Wunden, mit denen wir bedeckt waren, mußten wir mit großer Eile marschieren. Die Soldaten hatten mich wie einen Hund am Halse gebunden und zogen mich vorwärts, wenn ich keuchend, erschöpft und elend mit den Pferden nicht Schritt halten konnte. Wir durchschritten mehrere kalte Ströme und sanken bis zu den Hüften in Wasser und Schlamm.

In Toxem sah ich zu meiner großen Freude Tschanden Sing noch am Leben. Er war in dem Lehmhause gefangengehalten worden, wo er drei Tage lang aufrecht an einen Pfahl gebunden war und vier Tage lang weder etwas gegessen noch getrunken hatte!

Man hatte ihm gesagt, ich sei enthauptet worden. Er war in einem furchtbaren Zustand; infolge seiner Wunden, der Kälte und des Hungers war er dem Tode nahe.

Wir mußten die Nacht über hierbleiben. Wir erstickten fast vor Rauch in einem der Zimmer des Lehmhauses, das mit Soldaten vollgepfropft war, die in Gesellschaft einer Frau von anscheinend leichten Sitten die ganze Nacht spielten, sangen, fluchten und rauften und uns dadurch hinderten, auch nur ein paar Minuten zu schlafen.

Am nächsten Morgen wurden Tschanden Sing und ich bei Sonnenaufgang auf Jake gesetzt. Der arme Man Sing mußte zu Fuß gehen und wurde unbarmherzig geschlagen, wenn er, müde und erschöpft, hinfiel oder zurückblieb. Sie banden ihm wieder einen Strick um den Hals und rissen ihn in brutalster Weise vorwärts. Wir hatten starke Wachen, die uns am Entfliehen hindern sollten; diese forderten an allen Lagerplätzen frische Relais von Jaken und Pferden und Nahrungsmittel für sich, so daß wir sehr schnell vorwärtskamen. In den ersten fünf Tagen legten wir 295 Kilometer zurück, wobei die beiden längsten Tagemärsche je 70 und 75 Kilometer betrugen; nachher machten wir keine so großen Märsche mehr.

Auf diesen langen Märschen litten wir viel, da die Soldaten uns mißhandelten und aus Furcht, daß wir zu kräftig werden könnten, uns nicht erlauben wollten, täglich zu essen. Sie gaben uns nur alle zwei oder drei Tage etwas. Unsere Erschöpfung und die Schmerzen, die das Reiten auf den elenden Jaken uns bei unsern Wunden verursachte, waren schrecklich.

Man hatte uns all unsere Habe genommen; unsere Kleider waren zerlumpt und wimmelten von Ungeziefer. Wir waren barfuß und fast nackt. Die ersten paar Tage marschierten wir manchmal von vor Sonnenaufgang bis ein oder zwei Stunden nach Sonnenuntergang. Wenn wir das Lager erreichten, wurden wir von unsern Jaken heruntergerissen; dann legten uns unsere Wächter zu den eisernen Handschellen, die wir um unsere Handgelenke hatten, auch noch Fesseln um die Fußknöchel. Da sie uns so für ganz sicher hielten, ließen sie uns im Freien schlafen ohne irgendeine Art von Bedeckung, oft genug auf dem Schnee liegend oder vom Regen durchweicht. Unsere Wachen schlugen gewöhnlich ein Zelt auf, unter dem sie schliefen. Aber selbst wenn sie keins hatten, gingen sie meist etwa 50 Meter von uns weg, um Tee zu brauen.