Ein Reiter aus meiner Wache.
Von meinen beiden Dienern unterstützt, die bei mir saßen, um aufzupassen und mich gegen die Blicke der Wachen zu schirmen, brachte ich es unter steter Gefahr fertig, einen vorläufigen Bericht unserer Rückreise auf ein kleines Stück Papier niederzuschreiben, das in meiner Tasche geblieben war, als ich von den Tibetern durchsucht wurde. Wie ich es auf der Streckfolter getan hatte, zog ich auch jetzt die rechte Hand aus der Handschelle und zeichnete mit einem kleinen Stückchen Knochen, das ich aufgelesen hatte, als Feder und mit meinem Blut als Tinte kurze chiffrierte Notizen und eine Karte unsers Rückweges auf. Natürlich mußte ich, da ich keine Instrumente hatte, um genaue Beobachtungen anzustellen, meine Ortsbestimmungen nach der Sonne machen, deren Stand ich ziemlich genau durch beständiges Beobachten des Schattens fand, den mein Körper auf den Boden warf. Begreiflicherweise konnte ich mich, wenn es regnete oder schneite, nicht zurechtfinden und mußte meine Peilungen nach den Beobachtungen des vorigen Tages berechnen.
Unsere Wachen waren sehr streng und mißhandelten uns in jeder Weise. Ein paar Soldaten jedoch erwiesen uns große Freundlichkeit und Teilnahme und brachten uns, so oft sie es tun konnten, ohne von ihren Kameraden gesehen zu werden, etwas Butter und Tsamba.
Da unsere Wachen sehr häufig wechselten, hatten wir keine Möglichkeit, uns mit den Soldaten zu befreunden, und jede neue Ablösung war schlimmer als die vorhergehende.
Eines Tages trug sich ein spaßhafter Zwischenfall zu, der unter unsern Wachen großen Schrecken verursachte. Wir hatten in der Nähe einer Felswand haltgemacht; die Soldaten waren etwa 20 Meter von uns entfernt. Um meine Diener und mich zu belustigen, machte ich einige bauchrednerische Kunststücke und tat so, als ob ich zur Wand hinaufspräche und von dort Antwort erhielte. Die Tibeter wurden von Schrecken ergriffen. Sie fragten mich, wer dort oben sei. Ich sagte, es sei jemand, den ich kenne.
»Ist es ein Plenki?«
»Ja.«
Da stießen sie uns schnell auf unsere Jake und bestiegen ihre Pferde, und Hals über Kopf verließen wir den Ort.
Als wir an eine Stelle kamen, deren Lage ich nach einer auf meiner Hinreise vorgenommenen Beobachtung auf 83° 6´ 30´´ östlicher Länge und 30° 27´ 30´´ nördlicher Breite bestimmen konnte, wurde mir ein großes Glück zuteil. An diesem Punkte treffen nämlich die beiden Hauptquellflüsse des Brahmaputra zusammen und vereinigen sich zum Hauptfluß; den einen Nebenfluß aus Nordwest hatte ich schon verfolgt, der andere kommt aus Westnordwest. Zu meiner Freude wählten die Tibeter den südlichern Weg und gaben mir dadurch Gelegenheit, die zweite Hauptquelle des großen Flusses zu besuchen. Dieser zweite Strom entspringt in einer Ebene und hat seinen Ursprung in einem kleinen See, der auf annähernd 82° 47´ östlicher Länge und 30° 33´ nördlicher Breite gelegen ist. Ich gab der nördlichen Quelle meinen eigenen Namen, ein Verfahren, das, wie ich hoffe, nicht für unbescheiden angesehen werden wird angesichts der Tatsache, daß ich der erste Europäer war, der sie besucht hat, und auch angesichts der besondern Umstände meiner Reise. –
Dieser Abschnitt unserer Gefangenschaft war wohl schrecklich, aber doch interessant und belehrend; denn es gelang mir, die Soldaten unterwegs dazu zu bringen, mich einige tibetische Lieder zu lehren, die denen der Schokas ganz ähnlich sind. Von den weniger bösartigen Leuten unserer Wache sammelte ich durch wohlüberlegte Fragen eine beträchtliche Menge von Angaben über Land und Leute, von denen ich einige in diesem Buche wiedergegeben habe.