Über einen Paß, der weiter südlich gelegen und niedriger war als der Maiumpaß, auf dem wir gesund, hoffnungsvoll und frei in die Provinz Yu-tsang gekommen waren, verließen wir sie jetzt verwundet, gebrochen, nackt und gefangen.

Wir gingen in nordwestlicher Richtung weiter, und als wir die heilige Provinz Yu-tsang glücklich hinter uns hatten, wurden unsere Wachen weniger grausam gegen uns. Man erlaubte uns, mit dem wenigen Geld, das mir der Pombo zu behalten gestattet hatte, so viel Lebensmittel zu kaufen, daß wir häufiger Mahlzeiten einnehmen konnten, und während wir aßen, nahmen die Soldaten unsere Handschellen ab und legten sie uns einstweilen um die Fußknöchel. Mit Gerätschaften, die uns von unsern Wachen geliehen wurden, konnten wir uns etwas kochen, und wenn wir es auch anstatt auf Schüsseln auf flachen Steinen servieren mußten, schien es uns doch köstlich.

Nachdem wir unsern frühern Weg gekreuzt hatten, gingen wir fast parallel mit ihm, nur wenige Kilometer weiter nördlich, über ein wellenförmiges Plateau mit tonigem Boden und vermieden so die sumpfige Ebene, deren Überschreiten uns auf der Hinreise so viel Beschwerde gemacht hatte. Wir fanden da und dort zahlreiche schwarze Zelte. Als wir eines Abends in der Nähe einiger kleiner Seen das Lager aufgeschlagen hatten, erlaubte man uns, ein Schaf zu kaufen. Ein Soldat, ein guter Kerl, der gegen uns schon sehr freundlich gewesen war, suchte ein schönes und fettes Tier für uns aus, und wir freuten uns schon auf eine solide Mahlzeit, als wir zu unserer Enttäuschung fanden, daß es uns unmöglich war, das Tier zu töten. Abstechen konnten wir es nicht, da uns die Tibeter kein Schwert oder Messer anvertrauen wollten, und sie selbst weigerten sich, das Schaf auf irgendeine andere Weise für uns zu töten. Schließlich ließ unser Freund, der Soldat, seine Gewissensskrupel durch das Geschenk einer Rupie besiegen und schickte sich an, das Tier auf äußerst grausame Weise zu töten. Er band ihm die Beine zusammen und hielt die Schnauze des armen Schafes, nachdem er ihm die Nasenlöcher mit Schlamm verstopft hatte, mit einer Hand fest zu, bis es erstickte. Während dieser Arbeit drehte der sündige Soldat mit der freien Hand sein Gebetrad und betete die ganze Zeit inbrünstig.

Dreiundvierzigstes Kapitel.
Wieder bei den Freunden.

Endlich befanden wir uns auf der Ebene, wo wir das aus etwa zweihundert Zelten bestehende Lager eines Tarjum sahen und wo wir die Nacht über blieben. Eine große Menge von Lamas und Soldaten war versammelt. Mitten in der Nacht wurden wir plötzlich ungestüm aus dem Schlafe geweckt und veranlaßt, unser Lager ungefähr zwei Kilometer von der Niederlassung fortzuverlegen. Am nächsten Morgen aber gingen wir, nachdem wir zuerst einen großen Strom überschritten hatten, in südwestlicher Richtung weiter und erreichten am Abend desselben Tages das Lager des Tarjum von Toktschim. Hier kamen uns die Offiziere entgegen, die uns bei einer frühern Gelegenheit Geschenke überbracht und die wir mit allen ihren Soldaten in die Flucht geschlagen hatten, als sie anfingen uns zu bedrohen.

Diesmal benahmen sie sich sehr anständig; der älteste von ihnen erwies uns alle mögliche Höflichkeit und bezeigte große Bewunderung für den Mut, mit dem wir uns gegen eine so starke Übermacht behauptet hatten. Der alte Herr tat alles, was er konnte, um es uns behaglich zu machen, und rief zu unserer Unterhaltung sogar zwei herumziehende Musikanten heran. Einer von diesen trug eine eigentümliche viereckige Kopfbedeckung aus Fell; er spielte mit einem Bogen auf einem Instrument mit zwei Saiten, während sein Begleiter, ein Kind, tanzte und plumpe Gliederverrenkungen ausführte und alle paar Minuten mit ausgestreckter Zunge rundherum ging, um bei den Zuhörern um Tsamba zu betteln.

Die Tibeter sind gegen Bettler sehr wohltätig, und nicht nur bei dieser, sondern auch bei andern Gelegenheiten habe ich bemerkt, daß, wenn ihre Gaben auch oft sehr klein waren, sie sich selten weigerten, den Bettlern Tsamba, Stücke Butter oder Tschura zu geben.

Der ältere Musikant hatte eine viereckige Keule durch den Gürtel gesteckt, und von Zeit zu Zeit legte er sein Instrument nieder und führte uns, die Keule als Schwert benutzend, eine Art kriegerischen Tanzes vor. Ab und zu schwang er die Keule auch gegen Rücken und Kopf des armen Knaben, um ihn zu größerer Lebhaftigkeit zu ermuntern, was unter den Zuschauern gewöhnlich schallendes Gelächter hervorrief.

Am nächsten Tage machten wir uns unter wiederholtem Lebewohlsagen und Freundschaftsbezeigungen von seiten unserer Wirte und Kerkermeister auf den Weg nach dem Mansarowar und erreichten spät am Abend Dorf und Gomba Tucker, wo wir in demselben Serai einkehrten, in dem ich auf meiner Hinreise übernachtet hatte. Hier wurden uns alle unsere Fesseln abgenommen, und wir genossen verhältnismäßige Freiheit, trotzdem vier Mann an meiner Seite marschierten, wohin ich auch ging; die gleiche Zahl beaufsichtigte Tschanden Sing und Man Sing. Natürlich erlaubte man uns nicht, weit von dem Serai fortzugehen, doch durften wir im Dorfe umherstreifen. Ich benutzte die Gelegenheit, ein Schwimmbad im Mansarowarsee zu nehmen, und auch Tschanden Sing und Man Sing begrüßten die Götter wieder mit neuen Salaams und sprangen in das heilige Wasser hinein.

Die Lamas, die bei meinem ersten Besuche so freundlich gewesen, waren jetzt außerordentlich mürrisch und grob. Nachdem sie bei unserer Ankunft zugegen gewesen waren, kehrten sie alle in das Kloster zurück und schlugen das Tor heftig hinter sich zu. Auch alle Dorfbewohner zogen sich eilig in ihre Häuser zurück, so daß der Ort bis auf die paar Soldaten, die uns umgaben, ganz verödet schien.