Der Lehrer von Pungo.

Ihre Konstruktion ist einfach. Der Zettel wird in sehr starker Spannung gehalten, und der Baum, auf den das fertige Gewebe aufgerollt wird, liegt während des Webens auf dem Schoße der Weberin. Tretschemel, vermittelst deren die beiden Lagen der Fäden nach dem jedesmaligen Durchgange des Einschlagfadens gehoben oder niedergedrückt werden, befinden sich an dem Webstuhle der Schokas nicht, die ganze Arbeit wird mit der Hand getan. Der Einschlagfaden wird mit einem schweren Holzstück von prismatischer Form durchgezogen.

Das zum Weben verwendete Material ist Jak- oder Schafwolle, die entweder in ihrer natürlichen Farbe gelassen oder in den Grundfarben rot, blau und gelb und nur in einer einzigen Mischfarbe, grün, gefärbt wird. Blau und rot werden fast in gleichem Maße verwendet, dann grün. Gelb wird sehr sparsam benutzt. Der Faden ist gut gezwirnt und wird vor dem Spinnen keiner Aufbereitung unterzogen, so daß der festgewebte Stoff etwas fettig ist, wodurch er wasserdicht wird.

Die Schokafrauen sind in dieser alten Kunst sehr erfahren und sitzen geduldig Tag für Tag im Freien, damit beschäftigt, mit mehrern Sätzen von Einziehnadeln höchst verwickelte, kunstvolle Muster zu weben. Diese farbigen Gewebe, mit Ausnahme der einfachern blaugrundig gestreiften, die zu Frauenkleidern gebraucht werden, sind gewöhnlich sehr schmal, während die weniger sorgfältig gearbeiteten, wie z. B. der weiße Stoff, aus dem Männerkleider gemacht werden, ungefähr 40 Zentimeter Breite haben.

Die Muster der mehrfarbigen Gewebe werden aus dem Kopfe gearbeitet; sie enthalten weder Bogenlinien noch Kreise, sondern weisen nur aus geraden Linien zusammengesetzte Ornamente auf, Zusammenstellungen von kleinen Rauten und Quadraten, die durch lange, dreifarbige parallele Streifen voneinander getrennt sind und die Hauptideen der Schokas in der Ornamentik der Weberei darstellen.

Die begabtern unter den jungen Schokaweibern besitzen viel Geschick im Weben von Teppichen oder vielmehr groben Wolldecken. Das Vorbild dazu haben sie von alten chinesischen Decken genommen, die über Lhasa ihren Weg hierher gefunden haben. Wenn das Gewebe der Schokas bei genauerer Prüfung auch in Güte und Arbeit beträchtlich von jenen abweicht, so sind die Decken doch hübsch anzusehen. Sie werden auf groben, geflochtenen Zwirnmatten gewebt, die farbigen Fäden vertikal eingelassen. Die weiche Oberfläche der Decke ist im Aussehen dem der persischen Teppiche nicht unähnlich, aber sie fühlt sich nicht so angenehm an wie diese.

Nach und nach wurde ich bei dem Gedanken an das verlorene Buch doch sehr besorgt, da es ja alle meine Reisenotizen enthielt. Der Gedanke, daß es auf einen Felsen gelegt worden war, der vom reißenden Wasser bespült wurde, daß es hinuntergeglitten und fortgerissen sein konnte, versetzte mich in einen Zustand größter Aufregung.

Endlich sah ich eine taumelnde Gestalt näherkommen; es war Tschanden Sing, der das Buch triumphierend in der Luft schwenkte. Er war den viele Kilometer langen Weg zum Flusse hinab und wieder zurück so schnell gelaufen, daß er völlig erschöpft war, als er bei mir anlangte. Er händigte mir das Buch ein, und dann brachen wir wieder auf, von Walter und der ganzen Gemeinde den steilen Abhang nach dem Flusse hinunter begleitet. Hier ergriffen einige der Schokas meine Hände und legten sie an ihre Stirn, indem sie sich feierlich verneigten. Andere umschlangen meine Füße, während das Weibervolk mir das übliche hindostanische »Atscha giao! Gehe gut!« zurief.

Fünftes Kapitel.
Eine Teevisite.

Um nach Schoscha zu gelangen, mußte ich noch fünf Kilometer auf einem Bergpfade emporklimmen, der sich fast ebenso steil erwies als der Aufstieg nach Pungo.