Ein seltsamer, wahrscheinlich von den Tibetern entlehnter Gebrauch herrscht unter den Schokas; es ist ihre Art, unter Benutzung des Windes zu beten. Die Tibeter, deren religiöses Gefühl stärker ist als das der Schokas, gebrauchen nicht nur den Wind zu diesem Zwecke, sondern lassen ihre Gebetmaschinen sogar durch Wasser treiben.

Ich gebe hier eine Erklärung dieser sehr einfachen Vorrichtungen zum Beten. Einer oder mehrere Stofflappen, gewöhnlich von weißer Farbe, gelegentlich aber auch rot oder blau, werden mit einem Ende an einer Schnur befestigt und aufgehängt, die quer über einen Weg, einen Paß oder einen Fußpfad gespannt wird. Wenn die Schokas einen Paß zum erstenmal überschreiten, so schneiden sie jedesmal einen Streifen Stoff ab und hängen ihn so auf, daß er im Winde hin- und herflattert. Ebenso ist es bei ihnen Sitte, wenn Stoff zu einem neuen Gewande gekauft oder angefertigt worden ist, einen schmalen Streifen des Zeuges abzureißen und ein fliegendes Gebet daraus zu machen. Solange der Lappen sich bewegt, ist es ein Gebet; deshalb binden die Eingeborenen sie sehr fest an Stöcke, Pfähle oder Baumäste. Gewisse Sträucher und Bäume an unheimlichen, romantischen Orten in den Bergen sind mit diesen religiösen Zeichen ganz bedeckt. Eine große Zahl ähnlicher kleiner Flaggen sieht man auf den Dächern fast aller Schokawohnungen, neben den Gräbern und an den Außentoren der Dörfer.

Ich quartierte mich in dem Daramsalla von Titela ein, zwei Kilometer oberhalb Schoscha. Das Wetter hatte schon seit einigen Tagen mit Regen gedroht, und während des Abends ging ein Regenschauer auf uns nieder. Die Arbeit hatte sich Tag für Tag angehäuft. Ich beschloß, die zahlreichen Negative, die ich auf meiner Reise aufgenommen hatte, zu entwickeln, eine Beschäftigung, die einem auf dem Marsche über alle Maßen zuwider ist. Nachdem ich alle Schalen zum Entwickeln ausgepackt hatte, machte ich mich daran, die Hütte vollständig zu verdunkeln. Das wichtigste Erfordernis hierauf war Wasser, und davon gab es in diesem elenden Schuppen vollauf. Ich hatte eben ein halbes Dutzend Negative entwickelt und war über die ausgezeichneten Resultate hoch erfreut, als infolge des heftiger gewordenen Sturmes der Regen durch das lecke Dach des Daramsallas auf meinen Kopf zu tröpfeln begann. Alle die Schalen mit den Entwicklern, Bädern und der Fixierlösung an eine andere Stelle zu bringen, wäre sehr lästig gewesen, überdies war ich in meine Arbeit viel zu sehr vertieft, als daß solche unbedeutende Kleinigkeiten mich hätten stören können; so bot ich geduldig dieser neuen Unbequemlichkeit Trotz. Ich veränderte unaufhörlich meinen Standpunkt, aber nur mit dem Erfolg, daß der Regen je nach meiner Stellung abwechselnd auf meinen Rücken, meine Beine oder meine Schultern floß. Es goß in Strömen, und das Dach über mir war so durchlässig, daß ich ebensogut hätte im Freien arbeiten können. Ein Glück, daß meine Kasten und Kisten wasserdicht waren, sonst würden alle Instrumente und Platten beschädigt worden sein.

So ärgerlich es mir auch war, mußte ich die Arbeit schließlich doch aufgeben. Das Beste, was ich tun konnte, war schlafen zu gehen. Dies war aber leichter gesagt als getan: mein Lager und meine Decke waren völlig durchweicht. Der Versuch, unter einem wasserdichten Laken zu liegen, bewährte sich nicht, denn es kam mir vor, als müßte ich darunter ersticken. So überließ ich diese Bedeckung meinem Diener, der sich fest einrollte und bald in Morpheus’ Armen lag. Müde und ärgerlich kauerte ich mich zusammen und schlummerte schließlich auch ein. Am Morgen erwachte ich mit einem stechenden Schmerz in den Zehen. Ich hatte mit dem Gesicht nach unten gelegen und während der Nacht unwillkürlich die Beine ausgestreckt. Jetzt entdeckte ich zu meinem Schrecken, daß der eine Fuß in dem Entwicklungsbade, der andere aber in der Fixierlösung gelegen, die ich vergessen hatte aus den großen Zelluloidschalen auszugießen!

Als ich erfuhr, daß zwei Missionarinnen in dem dreieinhalb Kilometer von hier entfernten Orte Sirka lebten, machte ich mir das Vergnügen, ihnen einen Besuch abzustatten. Sie besitzen ein hübsches Bungalow, das auf einer Höhe von etwa 2700 Meter liegt; neben ihm steht ein zweites Gebäude, das zur Aufnahme von Bekehrten und Dienern bestimmt ist.

Es waren die schon erwähnten Damen Miß Sheldon und Miß Brown, die mich mit größter Liebenswürdigkeit empfingen. Ich bin in meinem Leben mit vielen Missionaren aller Bekenntnisse in fast allen Erdteilen zusammengekommen, aber nie habe ich das Glück gehabt, zwei so liebenswürdigen, aufrichtigen und wirklich ernst arbeitenden Damen zu begegnen wie diesen.

»Kommen Sie nur herein, Mr. Landor!« sagte Miß Sheldon mit ihrem allerliebsten amerikanischen Akzent, und dabei schüttelte sie mir herzlich die Hand.

Die Eingeborenen hatten mir die Barmherzigkeit und stete Hilfsbereitschaft dieser Dame hoch gepriesen, und ich fand dieses Lob mehr als berechtigt. Weder bei Tag noch bei Nacht verweigerte sie den Kranken je ihre Hilfe, und ihre edlen Taten, von denen mir berichtet wurde, sind viel zu zahlreich, um hier eingehend geschildert werden zu können. Vielleicht ihre schätzenswerteste Eigenschaft ist aber ihr vollkommener Takt, eine Eigenschaft, die nach meinen Erfahrungen unter den Missionaren nicht zu häufig ist. Ihre Geduld, ihr freundliches Wesen gegen die Schokas, ihr gutes Herz, die gelungenen Kuren, die sie an den Kranken ausführte, waren Dinge, für die sie von diesen ehrlichen Bergbewohnern unaufhörlich gepriesen wurde.

Ein Schoka erzählte mir, daß es für Miß Sheldon nichts Ungewöhnliches sei, alle für sie selbst bestimmten Nahrungsmittel und sogar die Kleider vom Leibe zu verschenken, da sie nichts auf Bequemlichkeit gibt und ihr Glück in guten Werken findet.

Hand in Hand ging damit eine bezaubernde Bescheidenheit. Kein Wort über ihre eigene Person oder über ihre Taten kam je über ihre Lippen. Als Pionier in diesen Gegenden muß sie zuerst sicherlich auf viele Schwierigkeiten gestoßen sein. Heute ist ihr Einfluß auf die Schokas sehr bedeutend. Dasselbe kann auch von Miß Brown gesagt werden, die in jeder Weise eine würdige Gefährtin von Miß Sheldon ist.