Bei Schankula (2270 Meter) schlug ich mein nächstes Lager auf. Ich war auf einem prächtigen schattigen Fußwege dahin gelangt, der, einem Pfade durch einen malerischen Park nicht unähnlich, zwischen hohen Libanonzedern, Buchen und Ahornbäumen entlang führte, während hier und da ein Bach oder eine Quelle rieselte, und Hunderte von Affen mit schwarzen Gesichtern und weißen Bärten spielend von Baum zu Baum sprangen.

Ich schlug mein Lager am Flusse auf. Es war ein herrlicher Tag. Vor mir, nach Ostnordost hin, ragten riesenhaft und majestätisch einige hohe Schneegipfel empor. Das Tal war eng und der übrige Teil des schneebedeckten Gebirges dem Auge nicht sichtbar. Welch herrlicher Vorwurf für ein Gemälde! Es lockte mich, hier haltzumachen, Malkasten und Skizzenbuch hervorzusuchen und mein Frühstück, das eben bereitet wurde, zu verlassen. So stieg ich denn zu dem Gipfel eines hohen Berges empor, um eine weitere Aussicht zu erlangen. Der Anstieg, der zuerst über schlüpfriges Gras, dann über schiefriges Gestein führte, war nicht ohne eine gewisse Gefahr, aber ich war so darauf erpicht, auf die Höhe zu kommen, daß ich den Gipfel sehr schnell erreichte, nachdem ich die beiden Leute, die mir gefolgt waren, auf halbem Wege zurückgelassen hatte. An einzelnen Stellen nahe dem Gipfel waren fast senkrecht aufragende Felsen zu erklimmen, und ich mußte Hände und Füße gebrauchen. Für meine Mühen wurde ich aber reich belohnt. Der Blick von diesem hohen Aussichtspunkte war prachtvoll, und ich muß gestehen, daß ich mir fast vermessen vorkam, als ich, nachdem ich meinen Malkasten abgeschnallt hatte, versuchte, auf dem Papier die Landschaft vor mir wiederzugeben. »Ich bin ein Tor,« sagte ich zu mir, »das malen zu wollen! Welcher Maler könnte diesen Bergen gerecht werden?«

Ich warf das Bild wie gewöhnlich schnell hin, aber niemals ist wohl ein rasches Wagestück durch einen geringern Erfolg belohnt worden, und so blieben die ewigen Riesen ungemalt.

Verstimmt machte ich mich auf den Rückweg. Der Abstieg war noch schwieriger als das Emporklimmen. Ein Fehltritt, ein Ausgleiten hätte mir das Leben kosten können, besonders längs des steilen Abgrundes, wo ich mich an alles, was aus der mauerartigen Felswand hervorragte, anklammern mußte. Ich war etwa 1200 Meter über unsern Lagerplatz emporgestiegen und hatte somit eine Höhe von 3490 Meter erreicht. Diese Leistung, die von den Leuten unten in meinem Lager ebenso wie von den Soldaten des stellvertretenden Kommissars von Almora, der hier ebenfalls sein Lager aufgeschlagen hatte, ängstlich verfolgt wurde, erwarb mir unter den Eingebornen die Beinamen »Tschota Sahib«, der »Langur«, d. h. »der kleine Herr«, »der Affe«, Namen, auf die ich seitdem immer stolz gewesen bin. –

Nachdem die Straße den Schankulafluß einmal überschritten hat, wendet sie sich nach Südost und erhebt sich sanft ansteigend bis Gibti (2610 Meter), wo ich mein Lager etwas über dem Daramsalla von Gala aufschlug. Ich war durch Waldungen von Ahornbäumen, Buchen, Eichen und Rhododendron gekommen, die ein dichtes Unterholz von Strauchwerk und Bambus aufwiesen.

Der Kali, der etwa 600 Meter unter meinem Lagerplatze dahinfloß, bildet die Grenze zwischen Nepal und Kumaon. Von diesem hochgelegenen Punkte aus konnte man den schäumenden Strom sich meilenweit zwischen dichtbewaldeten Hügeln und Bergen hindurchschlängeln sehen wie ein Silberband auf dunklem, ruhigem Grund.

Schneebrücke über den Kutifluß.

Der Marsch von meinem letzten Lagerplatze aus war nur sehr kurz, ich hatte darum den größten Teil des Tages zur Arbeit an meinem Tagebuche frei. Ich besaß ein kleines Gebirgszelt, das für gewöhnliche Ansprüche genügend behaglich war. Es scheint jedoch, als ob diese Art zu reisen von den indischen Beamten als nicht »comme il faut« betrachtet wird. Nach der Ansicht dieser Autoritäten sind es die Zahl und Größe der Zelte eines Reisenden, die ihn zu einem größern oder kleinern Gentleman machen! Ich hatte mein Zelt neben den beiden doppelflügeligen Zelten angloindischer Beamter aufgeschlagen, aber diese Herren waren über diese Vertraulichkeit durchaus nicht erfreut. Denn daß ein doppelzeltiger Sahib in Gesellschaft eines andern Sahib gesehen wurde, dessen Miniaturzelt kaum zu Taillenhöhe aufragte, war unter der Würde und eine ernste Bedrohung des britischen Prestige in Indien. Ich wurde deshalb höflichst ersucht, mein behagliches Quartier mit einem ehrenvollern Unterkommen zu vertauschen, das mir der einäugige Lal Sing, ein Tokudar (Dorfschulze) und Bruder des Patwari, des Rechnungsführers für das Pargana, lieh.