Die gefährlichste Stelle am Kali.
Die Nacht war stürmisch, und der Wind rüttelte an meinem Zelt. In meine einzige Kamelhaardecke gewickelt, legte ich mich zur Ruhe. Einige Stunden später weckte mich ein heftiger Schlag auf den Kopf. Es war der Mittelpfahl des Zeltes, der sich aus seinen Hülsen gelockert hatte und auf mich gefallen war. Hierauf folgte ein raschelndes Geräusch von Zeltleinwand, und im nächsten Augenblick saß ich ohne Dach da und guckte die Sterne an.
Sechstes Kapitel.
Übergriffe der Tibeter.
Der berühmte Nerpani oder Nerpania, der »wasserlose Pfad«, fängt bei Gibti an. Sehr wenige Reisende sind auf diesem Weg gegangen, und durch ihre Berichte sind viele andere abgeschreckt worden, ihrem Beispiele zu folgen.
Ich fand den Weg weit besser, als ich erwartet hatte. Ich bin schon auf schlechtern Gebirgswegen an steilen Abgründen gewesen. Nach dem, was ich gehört hatte, schien es, als ob der größere Teil der Straße auf mehrere Meilen Länge durch in in den Felsen befestigte Balken gestützt werde; aber dies ist nicht der Fall. Hin und wieder jedoch führt der Weg an überhängenden Felsen über dem Abgrund entlang, und dort, wo die senkrechte Wand die Anlage eines Weges nur mit großen Kosten erlaubt hätte, sind Balken horizontal mehr oder weniger fest in den Felsen eingelassen und große Steinplatten über sie gelegt, über die der schmale Pfad führt. Der Weg liegt 300–550 Meter über dem Flusse und ist an manchen Stellen nicht breiter als 15 Zentimeter. Aber für einen Reisenden mit sicherm Tritt kann dies keine wirkliche Gefahr bedeuten.
Der Weg ist langweilig, denn die Nerpaniafelsen, längs deren man ihn angelegt hat, teilen sich ihrerseits wieder in drei kleinere Partien, die durch Schluchten voneinander getrennt sind. Es ist recht lästig, Hunderte von Metern auf endlosen und schlecht zusammengefügten Treppen hinab- und wieder hinaufzusteigen, nur um auf der andern Seite wieder hinabzuklettern. Einige der Abstiege, namentlich der letzte zum Gulamla, sind steil; aber wenn man keine Nägel an den Schuhen und keinen Stock in der Hand hat, ist dabei wirklich wenig Gefahr für des Bergsteigens gewohnte Leute.
Gegen Sonnenuntergang entstand eine große Bewegung im Lager, die durch das Erscheinen von wilden Ziegen auf dem andern, nepalesischen Ufer des Kali hervorgerufen wurde. »Deine Flinte, Sahib, deine Flinte!« schrie ein Chor von ungeduldigen Eingeborenen. »Schnell, schnell, deine Flinte!«
Ich ergriff meinen Mannlicher und folgte der erregten Bande nach einem einige hundert Meter entfernten Platze, wo eine große lärmende Menge sich zusammengefunden hatte, um das Wild zu beobachten.
»Wo sind sie?« fragte ich, da ich nichts sehen konnte.
»Dort, dort!« schrien sie alle so laut sie konnten, indem sie nach dem Gipfel der gegenüberliegenden, etwa 400 Meter entfernten Felswand wiesen.